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Eine Realität in der ich mit Teo zusammen war gab es für mich nicht. Es fühlte sich nicht so an, ich wünschte es mir nicht und ich musste ihr sagen, dass ich nicht die Gefühle habe die dazu passen würden, dass sie nun glaubt wir könnten ein Paar sein erschien eigentlich zu absurd um wahr zu sein. Doch dann geschah plötzlich und unerwartet etwas sehr realistisches. Ich erhielt den schönsten Brief den ich je gelesen habe. Er kam von einer jungen Frau, auf deren Kontaktanzeige in einem Stadtmagazin ich geantwortet habe, weil ich nicht anders konnte.

Die Anzeige stand unter der Rubrik „Sie sucht Sie“ und sagte;

Es war so lyrisch, so wild, so geheimnisvoll und magisch, so dass ich mich traute darauf zu antworten. Und nun hielt ich den ersten Brief einer 21-jährigen Anita aus Berlin in den Händen.

Ich war total fasziniert von diesen Zeilen und habe ihr gleich irgendwie poetisch geantwortet und geschrieben dass ich sie gerne treffen würde und sie nächsten Montag anrufen werde. Allerdings hatte ich nun das Problem, dass ich in meinem ersten Brief geschrieben habe, ich wäre schon 18.

So beschlich mich langsam das Gefühl, zu viel versprochen zu haben. Ich dachte ich könne ihr doch nun nicht einfach sagen, dass sie sich mit einem 15jährigen Teenie treffen soll. Ich stellte mir eher vor dass ich zu diesem Treffen gehe und so tue, als wäre ich 18. Aber das Treffen stellte ich mir nicht in den beklemmenden Räumen eines Cafés vor, ich wünschte mir einen Spaziergang im Park.

Während es in der Schule langsam wieder besser lief und ich Angst vor dem dritten Weltkrieg bekam weil beängstigende Nachrichten immer wieder von bedrohlichen Bombenwerfern in Jugoslawien berichtet wurde. Ich fragte mich wie die Menschen so dumm sein konnten sich gegenseitig zu bombadieren. Ich verstand diese Welt nicht und sie machte mir Angst. Auf der einen Seite musste in unserem Land alles Recht und Ordnung haben und auf der anderen Seite der Welt war sowas erlaubt!? Ich bezweifelte die Intelligenz dieser Spezies und vermutete, dass Menschen, die sich für so intelligent halten, wahrscheinlich dümmer als Maikäfer sind.

Ich traf Teo nochmal wieder, als sie in Potsdam bei ihrer Oma war und freute mich ehrlich darauf. Und doch fühlte ich mich weiterhin sehr einsam und allein auf diesem Planeten. Mir wurde klar, dass all meine Freundschaften, nur oberflächlich waren. Deshalb hoffte ich so sehr dass der Austausch über das Internet tiefe Ebenen erschließen würde doch von meiner Internetbekanntschaft Julia, hörte ich auch nichts mehr.

Wegen dieser Anita machte ich mir immer größere Sorgen und Vorwürfe. Innerlich habe ich mit dieser Geschichte, die ich mit einer Lüge begann schon abgeschlossen. Zu groß erschien mir das Risiko, dass es mit der Wahrheit wieder nur in eine Katastrophe führt. Seit ich ihren Brief erhalten habe, sind nur einige Tage vergangen und es wurde April im Jahr 1999.

Meine Familie und ich waren in einem Kurzurlaub. Die Familie vom Freund meiner Mutter hatte ein Ferienhaus, welches so nah an einem See lag, dass ich ihn vom Haus aus sehen konnte. Eine schöne große Dachterrasse hatte es auch.

In den Tage dazwischen war Teo eine Nacht lang bei mir. Vielleicht haben wir in einem Bett geschlafen aber wir haben uns kein einziges Mal geküsst. Ich schaffte es irgendwie nicht ihr die Wahrheit über meine nicht vorhandenen Gefühle zu sagen. Parallel zu diesem Tohuwabohu hatte ich echtes Herzrasen nur mit Julia. Ich fand sie im Chat wieder und wir verabredeten uns wieder regelmäßig zum chatten.

Es war spannend und aufregend doch die Liebesgeschichte endete dramatisch mit dem ersten Telefon. Das Gespräch warf mich tief zurück auf den Boden gruseliger Tatsachen und ich fühlte mich wie ein am Boden zerstörtes Häufchen Elend, mit einem Herzen voller Romantik, unfähig eine echte Liebesgeschichte zu erleben. Doch als mir „julialovesu“ dann wieder schrieb, dass sie mich auch liebt – war schon ein Teil meiner Welt wieder in Ordnung als es für eine Woche auf die Schulreise nach England ging.

Ich kam zusammen mit Anne in eine Gastfamilie. Wie unsere Mitschüler waren wir in Hastings bei Privatpersonen untergebracht. Die Familie wirkte zwar freundlich aber auch chaotisch und nicht sonderlich interessiert an ihren Gastkindern. Auf dem Klo stand ein offener Eimer der Damenbinden enthielt und an den Wänden klebten Poster die mit Kaugummi befestigt waren.

Von London aus schickte ich eine Postkarte nach Berlin zu Anita, die mir zuletzt schrieb dass sie derzeit viel zu tun hat. Zurück zu Hause angekommen hatte ich den Kopf frei genug um zu erkennen, dass diese Geschichten mit Teo und Julia zu nichts führen würden und ich meinen Fokus auf das erste Treffen mit Anita richten sollte. Zufällig kam gerade die Zeit, in der Mobiltelefone auf den Markt kamen, für die jeder einen Vertrag abschließen konnte. Da war dieser Sebastian, ein Mitbewohner von Michael. Er fuhr Auto obwohl er keinen Führerschein hatte, er schloss Handyverträge ab und er war in mich verknallt. So gab er mir eines Tages ein Telefon, weil er mit mir in Kontakt sein wollte. Doch ich benutzte dieses Telefon nun um in Kontakt mit Anita zu sein. Wir schrieben uns SMS, tauschten pixelige Buchstaben auf kleinen grünleuchtenden Displays aus.

Das zweite Halbjahr der neunten Klasse lief auf das Ende zu und meine Versetzung war gefährdet weil ich in Russisch zwischen 4 und 5 stand. Mit einer weiteren Fünf wäre ich jedoch nicht in die zehnte Klasse gekommen. Also bekam ich in Russisch eine Nachprüfung für die ich lernen musste um die Versetzung zu schaffen. Als ich diese Prüfung dann bestanden habe, betrank ich mich mit einer Flasche schwarzen Vodka unterwegs mit meinen Freunden, bis ich am hinteren Ende der Straßenbaden auf den Boden kotzte und sah wie das schwarze Wasser zwischen die Füße der Fahrgäste lief. Dann schrieb ich Anita, dass ich gerade gekotzt habe und fühlte mich gereinigt und befreit.

….

Sie fand es ganz lustig und machte immer deutlicher, dass sie mich gerne treffen würde, auch wenn ich die Vorstelllung seltsam fand. Doch dann kam dieser Samstag Ende Juni, an dem in Berlin der Christopher Streed Day stattfand. Anita hatte vor mit ihren Kollegen dort hinzugehen. Sie arbeitete im Friedrichstadtpalast, einem großen Revuetheater in Berlin Mitte, auf der Ostseite der Stadt. Sie lud mich ein, zusammen mit ihr und den anderen zum CSD zu gehen und bei aller Angst die ich hatte, klang das Angebot viel zu spannend es abzulehnen. Also machte ich mich am Vormittag des 26.06.1999 auf den Weg zum nächsten Bahnhof um mit der Sbahn am Bahnhof Friedrichstraße anzukommen. Dort trafen wir uns und gingen erstmal einen Kaffee trinken. Ich habe zuvor nie etwas über diese Veranstaltung gehört und staunte über die Regenbogenvariante der Loveparade. In den Nachrichten sagten sie „heute ziehen Lesben und Schwule wieder zum Christopher Street Day durch die Stadt“ Es hatte wohl etwas mit historischer Revolution der menschlichen Liebesfähigkeit zu tun aber es erschien mir nicht allzu wichtig.

Bedeutsamer war, dass ich plötzlich irgendwo mittendrin war und die Menschen um mich herum symphatisch wahrnahm, vorallem den jungen schwulen Tänzer aus dem Revuetheater. Er hatte blaue Haare und war erst 18. Ich beneidete ihn um sein Sein während ich mich eher sehr unwohl und eigentlich fehl am Platz fühlte. Zwischendurch saßen wir in einem weiteren Straßencafe am Kuhdamm und wir sprachen gerade über meinen Spitznamen der eigentlich Willi war doch als sie mich danach fragte starrte mein Blick gerade auf die Tierfelltasche einer Dame am Nebentisch und ich sprach aus was ich gerade dachte und sagte „tote Katze“

Dann schlenderten wir weiter mit dem Zug, ich trank ab und zu einen Schluck Sekt aus der Flasche die rum ging und saß dann einige Stunden später am Abend neben Anita am Spreeufer. Es war eine seltsame Mischung aus Spannung und Angst. Irgendwann nahm sie meine Hand und vielleicht küssten wir uns aber dann brachte sie mich wieder zum Bahnhof und ich fuhr nach Hause.

Dieser Tag war etwas ganz anderes, als alles was ich zuvor erlebt habe und seitdem war Berlin für mich ein Ort der Freiheit. Von nun an war ich mit Anita zusammen und bin an jedem Wochenende nach Berlin gefahren. Sie musste zwar am Wochenende immer arbeiten aber das machte nichts und war irgendwie eher gut so. Denn sie arbeitete ja im Veranstaltungsservice des Revuetheaters und ich durfte mit ihr dort sein. Für mich bedeutete das, dass ich jeden Abend einen Platz bekam um die Show „Elements“ zu sehen. Es war beeindruckend und ich konnte wurde nie langweilig. Mir gefiel die Komposition aus Musik, Tanz, Theater und Artistik und effekvollem Licht.

Die letzten 10 Minuten der Aufführung gefielen mir immer am besten weil dann der ganze Saal aufstand und tanzte und sang „can you see the light – shining so bright – all we need is the believing – in the power – the power of faith“

Nach der Show trafen sich dann Tänzer und Tänzerinnen mit den Angestellten aus dem Veranstaltungsservice und gingen zusammen noch etwas essen oder trinken auf der Oranienburger Straße die voller Bars und Restaurants war. Ich kam in eine ganz neue Welt jenseits der grauen Ghettorealität in Potsdam in der ich mich so tod und unwirklich fühlte. Hier spürte ich wenigstens einen starken Hauch von Leben.

Nach einigen Wochen wurde es langsam sexuell aber ich schämte mich weil es nicht das zusammen sein mit ihr war was mich erregte sondern die Vorstellung als Mann mit ihr sexuell zusammen zu sein. Anita hatte auch wenn sie schon 21 war, auch noch keine Beziehung oder sexuellen Erfahrungen. Das erste Mal war eher sehr schrecklich. Ich täuschte einen Krampf im Fuß vor um aus der Situation rauszukommen die ich als sehr unangenehm empfand. Aber eines Tages erzählte sie mir dass ihr eigener Onkel vor kurzem dabei geholfen hat ihr Bett aufzubauen und es dann offenbar gleich ausprobieren wollte und ihr an die Wäsche ging. Sie konnte ihn abwehren aber in mir entstanden die erschreckenden Gefühl des Onkels der Sex mit ihr haben wollte und ich schämte mich sehr, dafür das diese Vorstellung einen Großteil meiner Sexualität mit ihr ausmachte. Doch ebenso verstand ich mich in der sehr seltsamen aber glücklichen Lage die Gefühle die ich bekommen konnte und er nicht zusammen mit der Fantasie zu meiner Sexualität zu machen die nun doch irgendwie aber zumindest möglich war. Es war mehr ein gegenseitiges beim onanieren helfen aber es ging so für mich besser wenn ich mir etwas anderes vorstellen konnte und mich selbst nicht anfassen musste.

Da Anita dick war schämte ich mich vor ihr auch weniger und dachte unbewussst die meiste Zeit, dass sie ja Glück habe mit mir zusammen zu sein. Ich war ja immerhin dünn und jung und eigentlich ganz gut aussehend – wenn auch nicht viel wahres hinter all dem Schein lag, war ich im wesentlichen doch eine gute Seele und die Begegnung mit mir konnte für Menschen die eine Seele hatten sehr angenehm sein. Wir lagen viel im Bett, bestellten Pizza, chinesisches Essen oder holten Döner. Wir hörten Musik oder Anita spielte etwas auf der Gitarre. Sie hat gerne gespielt und mit mir gesungen. Ich habe sehr ungern mitgesungen aber hörte ihr gerne zu während ich sie eigentlich bewunderte im Moment ihrer Wahrhaftigkeit. Ich spürte in den Menschen um mich herum zunehmen so viel von ihrer eigentlichen Wahrhaftigkeit, dass sie mir allesamt wie magische Wunderwesen erschienen die alle etwas hatten von dem ich fühlte dass ich es nicht haben könnte aber ich wusste nicht was es war und es machte mich meistens auch sehr traurig. Die ganze Geschichte wurde auch immer unangenehmer je öfter benannt wurde dass diese Frau eine 15-jährige Freundin hat. Ich fühlte mich nicht als diese Freundin – ich fühlte mich als ihr unsichtbarer Freund.

Doch wir waren gerade erst ein paar Wochen zusammen, da musste ich mit meiner Mutter, ihrem neuen Freund und meinen Bruder in den Sommerurlaub nach Kroatien fahren. Für drei Wochen. Dies bedeutete für das junge Glück eine lange schmerzvolle Unterbrechung. Doch wir nutzten die Möglichkeiten und machten es uns so angenehm wie möglich – der Campingplatz auf dem wir uns für die meiste Zeit niederließen hatte eine Telefonzelle in der man angerufen werden konnte. So verbrachte ich die Nacht während alles schlief am Telefon und verschlief dann gerne das so gehasste Frühstück. Meinem Bruder sagte ich im letzten Urlaub in Schweden, dass ich später eine Freundin haben werde und keinen Freund. Daraufhin sagte er, dass das doch klar ist, nun konnte ich ihm sagen, dass ich nachts mit meiner Freundin telefonieren gehe. Am Ende des Urlaubs hatte Anita eine Telefonrechnung von über 1000 DM aber sie war froh nach der Arbeit mit mir sprechen zu können und so verbrachten wir die meiste Zeit zusammen als ich körperlich tausend Kilometer weit weg war.

Im August 99 besuchte ich zusammen mit Anita zuerst meine Oma und meinen Opa. Wir hatten ein Zelt dabei und bauten es vor der Haustür auf. Einmal als wir nachmittags im Zelt waren setzte sich mein Opa davor und redete im betrunkenen Zustand seltsam auf uns ein. Er drohte damit meiner Mutter zu sagen was ich hier mache und dass ich Drogen nehme. Wir nahmen keine Drogen. Tante Gaby und Onkel Roland kamen mit den Kindern und wir haben alle zusammen gegrillt. Ich stellte diesen Teil meiner Familie als meine Familie vor aber es dauerte eine Weile bis die erste Begegnung mit meiner Mutter zustande kam. Ich redete nur mit meinem Onkel darüber, dass Anita jetzt meine Freundin ist und wie es für mich ist aber da ich mich von meiner Mutter sowieso nicht verstanden fühlte, hatte ich nicht das geringste Bedürfnis mit ihr darüber zu sprechen oder ihr Anita vorzustellen. Doch es gab Ärger, auch deshalb weil wir bereits bei meiner Oma waren aber sie nicht wusste, wer diese Person mit der ich dort hin kam überhaupt war.

Dann kam mit anfänglichen Ärgernissen diese erste Begegnun auf sehr unangenehme Weise zu Stande. Wir standen bei meiner Mutter vor der Tür und sie stand direkt mit schockiertem und abwertendem Blick vor Anita und musterte sie skeptisch von oben bis unten. Es war mir mehr als unangenehm und ich schämte mich einfach nur über alle Maße für diesen Teil meiner Familie. Dann saßen wir mit dieser Mutter und ihrem Freund am Wohnzimmertisch und Anita gab sich Mühe zu rechtfertigen, dass sie mich liebt und auch darauf achtet, dass ich noch zur Schule gehe.

Meine Mutter wollte die Beziehung am liebsten verbieten, aber ihr war auch klar, dass dies keinen Zweck hätte. Jedoch stellte sie klare regeln auf soweit sie konnte, etwa darüber wann ich zurück Zuhause sein soll oder dass nachts nicht stundenlang telefoniert wird. Ebenfalls hat sie mir verboten unter der Woche nach der Schule nach Berlin zu fahren und so mussten wir uns während des letzten Schuljahres in der zehnten Klasse in Potsdam treffen wenn wir uns sehen wollten. Zum Ende des Sommers gingen Anita und ich mit unseren Brüdern zusammen ins Kino am Potsdamer Platz um den Film „Matrix“ zu sehen und auch wenn wir noch nicht genau verstanden worum es ging, hatte der Film seine besondere Wirkung. Meine anfänglich schwarz gefärbten Haare waren inzwischen rot ich hatte absolut keine Ahnung was ich nach der zehnten Klasse mit meinem Leben anfangen sollte.

Doch eines Tages erzählte mir meine Mutter, dass sie im Radio von der Stiftung Naturschutz gehört habe und davon dass für Jugendliche, die noch nicht wissen was sie beruflich machen wollen ein Freiwilliges Ökologisches Jahr angeboten wird für das man sogar 720 DM bekommen sollte. Für mich klang das perfekt und die Entscheidung für einen Beruf fühlte sich unmöglich an. Also rief ich bei dieser Stiftung an und lies mir das Informationsmaterial zukommen. Das erste Vorstellungsgespräch hatte ich in einer Einsatzstelle die in einem Verwaltungsgebäude der Stadt am Alexanderplatz war – Anita begleitete mich dort hin doch ich fühlte mich dort gänzlich unwohl und fehl am Platz. Meine Haare waren inzwischen blondiert und kurz geschnitten. Meine Kleidung war weit und neutral.

Zu meinem Glück erhielt ich eine Absage von der Verwaltungsstelle und konnte mich im Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club vorstellen, der seine berliner Filiale nur einen Kilometer Fußweg entfernt von der Wohnung von Anita hatte. Dies war schon Grund genug für mich dort unbedingt hin zu wollen. Denn erstmal wollte ich nichts anderes als Zuhause raus zu kommen und die fremde Stadt in die wir verschleppt wurden wieder zu verlassen und meine eigenen Wege gehen zu können. Als ich dann das Vorstellungsgespräch im Fahrradclub hatte und Dagmar kennenlernte war ich sofort begeistert denn ihre Augen lachten so vielversprechend und freundlich und ich erwischte mich manchmal dabei ihr in den Ausschnitt zu starren.

Als das Schuljahr im Sommer 2000 zu Ende ging war ich einfach nur froh dass dieser Albtraum nun vorbei war und ich erstmal frei war um überhaupt zu sein wo ich sein will. Ganz einfach war es auch nicht und ich ignorierte die Sprüche der Klassenkameraden die mich fragten ob ich der Mann in der Beziehung war, sie schienen mir so dumm wie weise. Einerseits schämte ich mich für eine Lesbe gehalten zu werden, andererseits war mir das notwendige Übel erstmal egal. Nach einer letzten Klassenfahrt die nach Prag führte endete für mich eine sehr Leid- und Qualvolle Zeit.

Mein neues Leben begann mit der Renovierung der kleinen vierzig Quadratmeterwohung in der Kleinen Hamburger Straße 2 mitten in der Mitte von Berlin. Ich konnte nun mit Stolz und Freude immerhin sagen, dass ich mit 16 von Zuhause ausgezogen bin, weil es kein Zuhause für mich war. Mein Vater kam um mit mir zusammen das Zimmer neu zu tapezieren. Es bekam hellblaue Wände und blauen Teppichboden. Wir kauften einen Hochbett um mehr Platz zu haben und weitere neue Möbel. Anita brachte mir bei, Dinge im Internet zu bestellen ohne sie zu bezahlen. Und für kurze Zeit nahmen wir uns einfach alles was wir gerade brauchten nur um dann festzustellen, dass das auch nicht glücklich macht und früher oder später zu noch größeren Problemen führt.

Meine Woche verlief nun so, dass ich von Montag bis Freitag bei Anita wohnte, von zwölf bis zwanzig Uhr im ADFC zur Arbeit ging und am Wochenende nach Potsdam fuhr um doch noch ein bißchen bei meiner Familie zu sein. Die Arbeit im Fahrradclub fand für mich im Büro hinter der Werkstatt statt. Ich saß am Computer und gab Daten der Mitglieder in die Datenbank ein. Ich konnte mir keine geeignetere Tätigkeit vorstellen um wusste den Vorteil des Hinterzimmers sehr zu schätzen. Es wurde eine E-mailadresse für mich eingerichtet in der mein Vorname mit einem K statt einem C geschrieben aber ich sagte nichts, weil es für mich keinen Unterschied machte. Irgendwann schrieb mich Dagmar an und fragte mich warum ich denn nichts sage wenn mein Name doch falsch geschrieben ist. Aber ich dachte nur, das ist er sowieso.

In der Werkstatt arbeitete ein weiterer FÖJler, er hieß Felix, war 21 und dort wie ein Bruder für mich. Dagmar war vorne im Laden und kam manchmal gucken was wir machen und wenn sie uns kontrollierte und viele Fehler fand, schrieb sie uns E-Mails in denen sie sich darüber beschwerte und mehr Aufmerksamkeit für die Arbeit forderte. Nach einiger Zeit durfte ich in der Arbeitszeit die privaten Einkäufe für Dagmar erledigen und war sehr stolz darauf. Doch dann war es eher schmerzvoll mir vorzustellen, wie sie am Abend für ihren Freund und ihren Sohn kocht und mit Wein anstößt… ich wäre lieber der Freund oder auch der Sohn gewesen, als das was sie vor Augen hatte. Meine Präsenz ihr gegenüber war eine seltsame Mischung aus Stolz und Schamgefühl. Manchmal, wenn ich einen energetisch richtig guten Tag hatte, brachte ich ihr einen Blumenstraus mit nur um mich für den Moment am Anblick ihrer leuchtenden Funkelaugen zu erfreuen.

Zuhause verbrachte ich die Zeit auch nur vor dem Computer. Ich habe Musik runtergeladen oder gespielt, manchmal auch heimlich pornografisches Material angeschaut und onaniert. Die sexuelle Beziehung entwickelte sich kaum weiter aber ziemlich schnell dort hin, dass ich verschiedene Hilfsmittel benutzte oder bastelte um den Penis den ich spürte aber nicht hatte in der Welt der Materie nachzustellen. Dann spürte ich diese Mischung aus dem Bestmöglichen und dem Unmöglichen und es gab keinen Sex ohne Schmerzen und Qualen für mich, doch ich konnte immer wieder alle Gedanken und Gefühle auflösen, wenn ich einfach nur spürte was mein inneres Auge dabei sah – alles was so nicht möglich war, konnte ich doch immer genau so erleben.

Es war nur so, dass ich nicht wusste wie ich damit umgehen sollte und mich oft schämte für all die zwangsläufig heimlichen Gedanken und Fantasien, die einfach nicht zu dem passten was ich in den Augen der Menschen um mich herum war. Und das Gefühl nun eine echte Freundin zu haben mit der ich zwar viel teilen aber doch nicht alles so erleben kann wie es wirklich richtig wäre machte mich zunehmend depressiv und ängstlich. Und dann gab es da noch diese Julia, mit der ich gelegntlich schrieb, schon etwas länger als ich Anita kannte und dann plötzlich kam einmal der Tag an dem sie sagte, sie sei in Berlin und würde mich gerne treffen.

Ich fühlte mich bereits bevor das Treffen stattfand als Betrüger, weil ich heimlich plante mich mit dem Mädchen aus Leipzig zu treffen ohne dass Anita etwas davon erfährt. Und ich ging einfach los an einem sonnigen Nachmittag in einer dunkelblauen Hose und einem beigen Pullover um so ein erstes Date einfach nochmal zu erleben. Wir saßen in einem Kaffee und obwohl mir irgendwie klar war, dass das wieder ein ziemlich schräger Film war, fand ich dieses Mädchen auf wichtige Weise interessanter als Anita. Sie war dünn und hatte braune Augen und rotgefährbte Haare. Ihre Hände waren sehr klein und weich, was mir später auch am besten an ihr gefiehl. Ich spürte dass sie mir auch nur als jemanden sah, der ich nicht war aber ich fühlte auch so viel von dem was ich vorher so auch noch nicht gefühlt habe und hatte Spaß daran es mit ihr zu erlben. Sie wollte gerne nach Berlin ziehen und auch dort leben. So kam ich auf die Idee, sie ebenfalls im ADFC einzuschleusen als FÖJlerin und tatsächlich fand wenige Wochen später ein Treffen mit der Stiftung Naturschutz und Dagmar statt um Jule als Dritte in unsere FÖJ Gruppe aufzunehmen. Obwohl Felix und ich schon keine Musterschüler waren, war nun auch noch Jule mit im Boot und Dagmar begann damit Gruppensitzungen zu organisieren um mit uns zu sprechen.

Ich erzählte Anita nichts davon, dass diese Julia auf die sie anfangs eifersüchtig war nun auch in Berlin ist und bei mir im ADFC mitarbeitet. Ich führte auf diese Weise ein Parallelleben ganz neuer Art mit einer Partnerin Zuhause und einer Anderen am Arbeitsplatz während ich eigentlich ganz einsam und unglücklich war. Doch es gefiel mir, nach der Arbeitszeit mit Jule noch schnell in einem Hinterhof zu verschwinden und mir von ihren weichen Händen einen Orgasmus machen zu lassen während ich mir in meiner Vorstellung den Penis meines Energiekörpers massieren lies.

Teil des Freiwilligen Ökologischen Jahres war es auch, dass über das Jahr verteilt vier Seminare stattfanden die einen wöchentlichen Aufenthalt in einer Art Jugendherberge beinhaltet haben. Die erste Reise dieser Art war für mich noch ein absoluter Albtraum. Ich musste mit meiner Reisetasche zwischen fremden Mädchen wandern und mit denen auf einem Zimmer schlafen. Es war noch unangenehmer als in der Schulzeit weil diese fremden Mädchen mich gar nicht kannten. Ich spielte so oft ich konnte den Clown, fühlte mich wie in der zweiten Klasse und war froh über jeden Tag den ich dort hinter mich brachte. Nachts im Bett überkamen mich seltsame sexuelle Gedanken, Gefühle die ich nicht einordnen konnte und eine seltsame Art von Erregung und vielleicht war das Onanieren das Einzige was mich beruhigen konnte.

Nun aber war Jule da und die Seminarreise bedeutete für uns nichts anderes als ein einwöchiger gemeinsamer Urlaub. Wir hatten keine Skrupel unsere Betten direkt zusammen zu schieben und allen zu sagen, dass wir ein Paar sind. Doch irgendwann kam wohl der Moment an dem mein geheimes Doppelleben in der Form zumindest aufflog und es kam zu Ärger im ADFC nachdem Jule und ich beim Verteilen der Zeitschrift Radzeit einige Pakete irgendwo einfach abgelegt und nicht verteilt haben. Jule wurde darauf hin gekündigt, weil Dagmar wohl zum Ergebnis kam dass die Entscheidung Jule einzustellen keine gute Idee für den Fahrradclub war.

Ich hatte schwere Schuldgefühle, vorallem Dagmar gegenüber wegen der weggeworfenen Zeitungen aber mein Schuldbewusstsein gegenüber meiner Freundin bei der ich wohnte war eher gering. Ich sah mich eher schicksalhaft dazu genötigt noch etwas mit einem anderen Mädchen anzufangen weil ich spürte, dass das was ich zu leben versuchte nicht wirklich richtig und schon gar nicht erfüllend war. So dauerte es auch nach der missglückten Affaire nicht lange bis ich mir ernste Gedanken darüber machte wie mein Leben nun weiter gehen soll. Das Leben von Julia hatte ich nun auch auf dem Gewissen, weil ich wusste dass sie irgendwo bei einer Kokserin strandete und nun vielleicht auf die ganz falsche Bahn gerät, meinetwegen weil sie letztlich wegen mir nach Berlin gekommen ist und nun auch irgendwie meinetwegen keinen Job mehr hatte. Das Ende des Jahres kam als ich mich gerade erst einigermaßen dort eingefunden hatte und erneut stellte sich die Frage wie es nun weitergehen soll. Ich konnte diese Frage für mein Privatleben nicht beantworten also erst recht nicht für ein damit zusammenhängendes Berufsleben. Alles fühlte sich absurd und abstrakt an und der Gedanke an irgendwas war einfach nur beängstigend.

Als meine Mutter die Situation kommen sah, dass ich nach dem FÖJ ohne Lehrstelle dastehe, fuhr sie mit mir zum Busunternehmen Micky Tours in Berlin Lichtenberg. Diese Firma war die Partnerfirma der Firma für die sie arbeitete und sie bat den Chef nun mit mir persönlich um einen Ausbildungsplatz. Es war eine unangenehme Situation aber ich war irgendwie erstmal froh, dass mein Leben weiterhin geregelt war und ich mir um das Thema der Reglung erstmal keine Gedanken machen brauchte. So begann ich die kaufmännische Ausbildung im Verkehrssevice in einem Büro mit drei anderen fremden Menschen. Einer war der Auszubildende im dritten Lehrjahr, einer war ein Mann um die Fünfzig und am auffälligsten war wohl die Telefonistin des Raumes eine Frau ebenfalls um die Fünfzig. Auf meinem Arbeitsplatz stand ein Rechner auf dem Windows 98 lief und ich spielte die meiste Zeit auf meinem Bildschirm Solitär. Es gab in diesem Büro offenbar keine Arbeit für mich und ich hatte überhaupt nicht das Gefühl zu wissen, was ich dort sollte. Ich wurde da hingesetzt und saß meine Zeit ab ohne dass sich jemand um mich kümmerte oder mir etwas zu tun gab. Ab und zu durfte ich ein paar Auftrage abheften oder etwas kopieren.

Eines Tages kam ich nach Hause, schaltete den Fernseher ein und sah wie ein Flugzeug in einem Wolkenkratzer steckte während ich mich in etwa genau so fühlte und mir die Tatsache dass die Welt um mich herum total wahnsinnig zu sein schien immer gruseliger erschien. Auf allen Sendern waren plötzlich nur noch diese Bilder die dem Westen zeigten wie Krieg heute geht auch wenn niemand verstand worum es eigentlich geht.

Mein achtzehnter Geburtstag stand an aber mir war nicht wirklich zu feiern zumute. Ich beschäftigte mich mit dem Gedanken nach Oranienburg zurück zu ziehen und woanders nochmal neu anzufangen. Zu meinem Geburtstag kamen meine Mutter und mein Bruder. Wir gingen in Berlin auf den Fernsehturm und auf dem Alexanderplatz kaufte meine Mutter mir eine Kette mit einem doppeltem Kreuz und als sie mir die Kette dann auf dem Platz anlegte sagte sie sehr verheißungsvoll dass ich gut auf meinen Bruder aufpassen soll wenn ihr mal was passiert. Ich kann noch genau nachfühlen wie ich in diesem Moment geguckt habe. Zum Kaffee kam sogar mein Vater vorbei und wir saßen alle an einem Tisch. In der Anlage lief die CD von Enya und ich fühlte mich und meiner Familie in einer besonderen und einmaligen Situation. Ich war im Matrixstil in einem langen schwarzen Ledermantel gekleidet als ich mit meiner Mutter  in das Theater des Westens, welches tatsächlich auch so hieß und wir sahen das „Falco“ Musical über einen Sänger den ich kaum kannte aber durchaus interessant fand. Am Abend fuhr meine Mutter dann zu ihrem neuen Freund Uwe und mein Bruder übernachtete bei uns auf dem Sofa. Wir haben noch lange gespielt und getrunken und ich fand es lustig zu sehen wie nun mein Bruder den schwarzen Vodka zusammen mit dem Reis den wir gegessen haben auf den Teppichboden erbrochen hat.

Zu meiner Demütigung geschah etwas ungewöhnliches als ich Zigaretten kaufen ging. Ich wurde nach meinem Ausweis gefragt, was mir sonst nie passiert ist und das demütigende daran war, ich war zwar nun volljährig aber fühlte mich keineswegs als die Person auf die der Ausweis ausgestellt ist und schämte mich sehr dafür ihn nun zeigen zu müssen. Ich spürte in allem dass ich dort wo ich war keinen Sinn machte und es war gleich zu Beginn jeden Morgen eine Qual mich mit mit meinem schönen neuen silberblauem Giant Mountainbike und der S-Bahn, über eine Stunde lang nach Lichtenberg zu fahren um dort nutzlos in diesem Büro eingesperrt meine ohnehin schon qualvolle Zeit abzusitzen.

Nach meinem Geburtstag hatten meine Mutter und ich einen Termin in der Sparkasse wo mir nun mein Erwachsenenkonto eingerichtet wurde. Dieser Termin war der schrecklichste den ich je erlebt habe. Denn dort war eine sehr sehr hübsche junge Frau, in meinen Augen die schönste Frau, die ich bis dahin gesehen habe. Sie sah wie ein Engel aus und hatte feuerrotes langes Haar. Ihr Name stand auf dem Namensschild, Angelika Michalke. Ich fühlte mich schrecklich in Bezug auf den Namen auf den das Konto für mich ausgestellt wurde. Es fühlte sich so demütigend und falsch an. Ich schämte mich vor dieser Frau für meinen Namen und das falsche Bild das ich abgeben musste. Ich dachte noch lange nach diesem Termin an diese wundervolle Erscheinung und wurde mit meinen Träumen von einer solchen Partnerin immer trauriger und unglücklicher in dem was mein Leben zu sein schien. Meine Mutter telefonierte regelmäßig mit mir aber erfuhr von mir und meinen Gedanken und Gefühlen so gut wie nächts während sie mich viel zu lang mit ihren Geschichten vollquatschte, teilweise so als wär ich ihr Psychologe und ich fragte mich warum sie nicht ihre Freunde anruft und denen die Geschichten von ihrem Tag erzählt. Ich konnte noch nie viel mit dem anfangen, was mir erzählt wurde aber leider hatte ich wohl meistens zu allem etwas zu sagen so dass Menschen generell einfach gerne mit mir sprachen und sicher war ich auch ein guter Zuhörer aber ich erzählte selbst sehr wenig. Ich versuchte darauf klar zu kommen, dass ich nun achtzehn war und so frei wie möglich aber immernoch kein bißchen das Gefühl hatte irgendwo ankommen zu können wo ich wirklich hin will.

Ich empfand mein Leben schlicht als qualvoll, weil es so glasklar für mich fühlbar war, dass das was ich wirklich gerne hätte nicht möglich war. Ich spürte dass das was für mich realisierbar war immer weniger und unnatürlicher war als das was mein Inneres für mich sah und das tat einfach immer weh. Ich hatte inzwischen ein schwarzes Kaninchen aus dem Zooladen. Es hieß Klopfer und ich lies ihn so oft wie möglich aus seinem Käfig raus und im Zimmer herumhüpfen. Er musste die Rolle eines Leidensgenossen leider übernehmen denn ich fühlte mich mit ihm im selben Käfig sitzen.

Inzwischen bin ich am Wochenende lieber zu meinem Vater und seiner neuen Freundin gefahren als zu meiner Mutter. Sie hatten einen weißen Terrier. Als dieser schwanger war, wollte ich einen Welpen haben und ihn Sammy nennen. Ich sah mich schon draußen mit ihm trainieren, wollte einen Welpen ausbildet und mich mit ihm, ich kam dahinter dass es das beste für mich war, mich mit Tieren zu beschäftigen weil ich mit der Menschenwelt nicht wirklich etwas anfangen konnte. Die Freude auf einen Hund war das einzige was mich am Leben hielt als das was ich erlebte sich nur noch wie mein Tod anfühlte. Das mit Abstand schlimmste an der Ausbildung war es wieder in die Schule zu müssen. Und ich erlebte nochmal so ziemlich genau das selbe wie zur Einschulung in der ersten Klasse, zumindest emotional. Ich achtete jedoch inzwischen auf meine Kleidung und zog mich stilgemäß an als wäre der Körper den ich trage nicht das was andere sehen und fühlte mich damit ein klein wenig besser. So bestellte ich Kleidungsstücke im Internet auf ohnehin falschen Namen. Es waren Baggy Jeans, Hemden und Strickjacken.

Anfangs gab ich mir wirklich Mühe in der Berufsschule zumindest ein guter Schüler zu sein. Doch je öfter ich dort war, umso schlechter konnte ich es ertragen, irgendwann malte ich nur noch und hörte heimlich Musik die mich die Situation überleben lies. Ich wusste nicht was vor ging aber alles fühlte sich falsch an während ich doch immer wieder fühlen konnte dass das Leben an sich doch eigentlich etwas sehr wertvolles ist. Doch alles Bestand nur aus dieser scheinbaren Wahrheit und der Pflicht darin mitspielen zu müssen. Mein Herz schrie mich laut an, dass das alles so nicht wahr sein kann und nicht weiter geht.

Dann wünschte ich ein Wunder und es kam. Statt dass ich den weissen Welpen bekomme lernte ich Maria kennen. Meine Beziehung zu Anita war zunehmend belastet von meinem schlechten Befinden und der alltäglichen Qualen denen ich mich ausgesetzt fühlte. Ich schrie sie oft an, behandelte sie schlecht und bekam aggressive Anfälle die ich selbst nicht kontrollieren konnte. Ich hatte das Gefühl zu ersticken während um mich herum alles so normal zu sein schien wie es sich jedoch überhaupt nicht anfühlte.

Ich surfte schon einige Wochen heimlich auf die Internetseite eines Mädchens aus der TITUS Community. Ich fand die Seite, die dort veröffentlichten Texte und Bilder des Mädchens sehr interessant und sie schien mir auf seltsame etwas gruselige Weise vertraut. Zumindest sprach mich die Art ihrer intelligenten Ausdruckskraft sehr an. Ich war in dieser Skatercommunity angemeldet unter dem Namen „Speckmade“. Aus irgendeinem Grund erschien Maria mein Profil auch ansprechend und sie schrieb mich von sich aus an, obwohl es mir vollkommen absurd erschien mit diesem Mädchen in realen Kontakt treten zu können, war sie plötzlich da und schrieb mich einfach an. Dann chatten wir eine ganze Woche lang, jeden Tag und es war nichts so klar, wie das wir uns unbedingt treffen wollten. Also buchte ich im Mai 2002 ein Zugticket nach Paderborn und fuhr an einem Freitag zu Maria auf die andere Seite des Landes.

Endlich angekommen wurde ich auf der stinkenden Bahnhofstoilette langsam so nervös dass ich darüber nachdachte schnell wieder wegzufahren als ich im Spiegel sah wie ich dort aussah. Aber dann fasste ich mir ein Herz und lief zielstrebig zum Ausgang des alten Bahnhofs um dann direkt vor ihr zu stehen und mich auf den ersten Blick in ihre Erscheinung zu verlieben. Sie war so zauberhaft, mit rotgoldenem Haar in dünnem femininen rosafarbenen Stoff gehüllt, leicht gebräunt, mit goldenbraun funkelnden Augen und sie von hinten weich vor mir her schweben zu sehen hat mich direkt sehr erregt. Maria lebte in einer betreuten Wohngemeinschaft für Jugendliche und angemeldeter Besuch übers Wochenende war erlaubt. Sie hatte ihr eigenes Zimmer in dem wir ungestört sein konnten. Und es dauerte nicht lange bis wir dort lagen und es sich wundervoll anfühlte ihren Körper im Arm zu spüren, sie zu küssen und zu berühren. Doch als sie in meine Hose fassen wollte hielt ich ihre Hand zurück, ich hatte Angst vor dem Moment indem die Illusion meiner Genitalien zersört wird. Sie musste mich überreden, dass sie mir doch auch schöne Gefühle machen wollte. Wieder erregte mich die Vorstellung einer ihrer Ex-Freunde zu sein. Sie sagte da war sogar einer der Jessie hieß. Ich beneidete ihn für das was er hatte statt dass ich glücklich sein konnte zu haben was ich haben konnte, ich war eifersüchtig darauf dass sie seinen Penis angefasst hat aber meinen nicht wirklich anfassen kann, dass es nur eine Fantasie ist. Ich hätte so gerne richtigen Sex mit ihr gemacht aber so war es wieder nur ein gegenseitiges beim Onanieren helfen und doch so viel mehr. Sie erregte mich einfach viel mehr weil sie so sexy war und neben ihr hatte ich das Gefühl mich besser in Luft auflösen zu können ohne dabei ganz zu verschwinden. Am auf das Wochenende folgendem Montag stand ich immernoch bei Maria im Zimmer und meldete mich von dort aus krank, bei Monika, der Telefonistin. Dann fuhr ich zurück nach Berlin und ging erstmal zu einer Ärztin der ich sagte, dass ich gerade handlungsunfähig bin und daraufhin die dringend benötigte Krankschreibung erhielt.

Dann bestellte ich mir viele Filme über weibliche Paare, verglich diese mit uns und konnte uns nur in Boys dont cry wiederfinden, einer Geschichte über Transsexualität. Die Geschichte faszinierte mich auf besondere Weise, ich spürte dass es eigentlich meine Geschichte ist doch dieses Thema machte mir Angst und ich konnte mir nicht vorstellen wie ich es schaffen sollte als Junge raus zu gehen weil ich dabei auf den ersten Blick auch nur als Mädchen gesehen werden würde und mir dies noch unangenehmer wäre als so zu tun als wäre ich das eben. Und doch machte sich immer wieder irgendwie so deutlich spürbar, dass es für mich nicht wirklich so wahr und sein konnte wie es zu sein schien. Die Beziehung zu Maria machte nur noch deutlicher wie verloren ich in Gesellschaft anderer Menschen war. Zu zweit lies sich eine relativ harmonische Symbiose bilden aber sobald auch Andere dabei waren, brach mein Kartenhaus ein.

Meine tiefste Sehnsucht dieser Zeit galt dem Wunsch mit Maria leben zu können wie zwei ganz normale Jugendliche. Während mein Leben in Berlin eine Katastrophe war wünschte ich mir eine ganz andere Realität. Eine, die sich nach etwas lebendigem anfühlt und nicht nach Gefängnis und Qual. Die Gestalten in der S-Bahn waren immer nur mit lauter Musik ertäglich. Der ganze Tag war wie eine nicht enden wollende Folter, von der ich mich an Feierabenden und Wochenenden nur kurz ausruhen konnte.

Inzwischen habe ich eine Möglichkeit gefunden dem Büro der Reisebusfirma zu entfliehen und nicht mehr den ganzen Tag dort sitzen zu müssen. Ich ging freiwillig nach draußen um dort auf dem Gelände die Busse zu putzen. Dann kam ich in das kleine Büro von zwei Männern, einem jüngeren und einem älteren. Der jüngere hieß Mario Ehrlich, er war etwa 35 und ein lustiger, gut gelaunter Typ.

Das Büro organisierte die täglichen Transporte von Schulkindern und zumeist behinderten Kindern. Einmal bin ich in so einem Bus mitgefahren, nur um die Erfahrung zu machen, dass alles immer noch schlimmer geht. Die meiste Zeit verbrachte ich damit mich vor dem Speichel eines Jungen zu schützen der sich ständig die Hände anleckte und versuchte mich damit zu berühren. Ich hörte Musik in jeder freien Minute um mich irgendwo tief in mir am Leben zu halten und mich nicht dem Gefühl auszusetzen irgendwo in meiner Geschichte längst gestrorben zu sein.

Maria nannte ich von Anfang an, ab und zu Engel oder Engelchen. Denn sie war die zweite, die wirklich kam um den Teil in mir zu erwecken, der die Kraft hatte für sein Leben zu kämpfen, auf friedliche aber machtvolle Weise. In dieser Zeit in der ich wieder in Berlin war, nachdem ich bei Maria in Paderborn gewesen bin, erschien mir dort nichts mehr sinnvoll. Ich sah ein hässliches, fremdes Gesicht dass sich in den Scheiben der Züge spiegelte, die meinen Körper von A nach B brachten, ohne mich wirklich mitzunehmen.

Doch es erschien mir so erstrebenswert, Maria für lange Wochenenden zu besuchen und den Lichtblick zumindest für Momente zu fühlen, vor den immer größer gewordenen Schatten meiner Unlebbarkeit. Wir chatteten über Internet Messenger und wir waren beide verliebt in das Gefühl uns auf Seelenebene austauschen zu können. Doch Maria erzählte mir auch von einer Teresa, von ihrer Schule, die Nachts herumfährt und und Botschaften an graue Wände versprüht. Sie bewunderte dieses Mädchen und ich war eifersüchtig und irritiert. Ich wollte eine bessere Version ihres Ex-Freundes Jessie für sie sein – aber sie schien doch auch auf Mädchen zu stehen. Mich machte das traurig und verzweifelt. Nicht weil ich genau wusste, dass ich kein Mädchen war und niemals werden könnte, sondern weil ich es auf diese Weise genau so fühlte.

Und mit wem ich mich auch vergleich, ich verstand mich, überall nur auf einem Totentanz – zwischen Menschen die alle so vollkommen waren, so blind sie auch aussahen und mir erschienen, während ich mich im wesentlichen so unsichtbar fühlte. Maria half mir ein Stück weit aus meiner Isolation, in der ich es ganz ohne den Kontakt zu einem anderen Wesen kaum ausgehalten hätte. Es war schnell klar, dass wir eine ähnlich schwierige und seltsam Kindheit erlebt hatten und nun als erwachsenwerdende Kinder in der Situation angekommen sind selbständig funktionieren zu müssen.

Es vergingen nur einige Wochen, bis immer klarer wurde, dass ich dort wo ich war nicht weiter machen kann und nichts mehr Sinn macht als den alten Pfad zu verlassen und neue Wege zu gehen in Richtung der Liebe die mich tief aus mir heraus dort hin zog wo etwas wirklich bedeutendes von mir in die Wirkungskraft des Seins kam. Alles worüber Rapper und Poeten sangen spiegelte den wertvollsen Rest aus mir, was ich dann fühlen aber in meinem Leben nicht leben konnte. Maria erschien mir wie das reine Engelwesen, das ich brauchte um nicht länger daran zu glauben, dass ich da war um unterzugehen in all der Hoffnungslosigkeit. Sie war auf jedenfall das zauberhafteste Wesen was mir bis dahin begegnet ist und ihre Art mit mir zu sprechen machte mir immer wieder klar, dass sie auch wirklich auf Seelenebene mit mir spricht und nicht einfach bloß so wie es Menschen sonst meistens tun während sie ständig etwas sagen ohne wirklich etwas zu sagen. Meist schwafeln sie bloß und finden sich dabei bestenfalls selbst langweilig.

Irgendwann kam der Tag, an dem ich so sehr spürte, dass mein Leben in Berlin keinen Sinn hatte, wenn ich länger dort bleibe wo ich nicht hingehöre und nicht rein passte – so sehr ich mich auch bemühte. Ich lief eines Tages einfach weg. So wie ich mit 13 weggelaufen bin. Aber nun irrte ich auf der Oranienburger Straße in Berlin Mitte herum und wusste nicht wohin. Ich versuchte mit Maria zu telefonieren aber ich kam nicht klar. Eventuell hat sie dann Anita verständigt und diese dann meinen Vater. Jedenfalls kam dann mein Vater und ich sollte ihm und Anita sagen was los ist. Dann sagte ich wohl dass ich nun mit Maria zusammen bin und bei Anita ausziehen muss.

In der nächsten Zeit zog ich dann wieder in mein Zimmer nach Potsdam. Doch es dauerte nicht lang bis ein Streit mit der Mutter eskalierte und sie rief „dann hau doch ab“… In diesem Moment sah ich nur noch das Signal auf dass ich all die Zeit gewartet habe. Ich ging direkt in mein Zimmer und packte die Reisetasche die ich zum achtzehnten Geburtstag geschenkt bekam mit den nötigsten Sachen. Wenige Minuten später saß ich im Bus zur nächsten S-Bahnstation auf dem Weg nach Berlin um von dort aus direkt in nächsten ICE zu steigen.

Ich hatte weder Geld noch eine Fahrkarte aber habe mich einfach auf den Weg gemacht um einige Stunden später bei Maria im Jugendwohnheim anzukommen.