Es war mein drittes Lehrjahr, welches ich blockweise in Münster am Berufskolleg im Unterricht meiner Mediengestalterausbildung verbrachte und den Rest der Zeit, wie immer bei der Zeitung in 37-Stunden Vollzeit.
Tanja ist aus der Heinrichstraße ausgezogen. Die letzten Arbeiten vor der Wohnungsübergabe sollte ich für sie erledigen, wahrscheinlich fiel ihr der Abschied doch schwerer als gedacht. Ich habe es gerne gemacht, obschon ich es sehr befremdlich empfand, dass sie nachdem ich ablehnte mit ihr auf einen alten Resthof zu ziehen und wir sowieso keine realistische Chance auf das Haus hatten, in das Haus ihrer Ex gezogen ist und wir gerade schon die Trennung wegen eines Dreiers in unserer kurzen aber turbulenten Beziehungsgeschichte hatten.
Aber so ist es bei Lesben wohl gewöhnlich, dass man immer mit der Ex von der Ex und der Ex von der Ex zusammen am Tisch sitzt, da zwischen den Liebesbeziehungen immer ein größerer gemeinsamer Freundeskreis dran hängt. Vielleicht schon allein, weil Menschen besonderer Art eher unter ihres Gleichen sind, als „normale“ Menschen.
Also fand ich es okay, da die Ex und ihre Ex ja ohnehin von Anfang an allgegenwärtig waren. Ich musste akzeptieren, dass alles war wie es war, auf allen Ebenen und konnte nur das bestmögliche aus allem machen.


So fuhr ich die Strecke zur Berufsschule nun häufiger mit meinem Auto bis zur WG in Salzbergen und immer öfter auch von dort aus zurück. Denn auch wenn Tanja, nun wieder bei ihrer Ex und der Ex von der Ex wohnte, waren wir immer noch oder vielmehr wieder ein Paar und ich war immer häufiger regelmäßig da. Was zunehmen der Dorn im Auge der WG Führerin, besagter Ex war, bezüglich des zusätzlichen Energieverbrauches.
So kam es eines kühlen (Sommer-)Tages dazu, dass ich im Haus saß, wo ich meinen PC aufgebaut hatte und World of Warcraft spielte, als sich die Ex in Form des Häuptlings wegen der dabei aufgedrehten Heizung beschwerte und zu mir sagte, ich soll zu Hause zocken gehen, wenn mir kalt ist.
Als ich Tanja davon berichtete, war sie außer sich und so wütend, dass sie direkt wieder im Internet nach anderen Wohngelegenheiten umschaute.
Ich war gerade im dritten Lehrjahr und es ging um Alles oder Nichts, doch die Zeiten waren turbulent und es war für mich schwierig genug, die Zeit in der Schule abzusitzen. Ich hielt mich an Marie, einem nerdigen Mädchen, das die Schulzeit noch nie so abgeschlossen hatte wie ich, für die es noch „normal“ war morgens um 8 da zu sitzen, nachdem man schon eine lange Anreise aus seinem Dorf in das städtische Schulgebäude hatte.


Ich war stolz auf mich wenn ich es schaffte, dass ich da war, während alles andere so unklar war. So ging ich weiterhin zu Therapeutin in der Praxis des alten Professors, den Rita mir empfohlen hatte. Mit ihr konnte ich irgendwie besser und gleichzeitig viel schlechter sprechen. Ich äußerte ihr gegenüber meine Gedanken bezüglich meines Erlebens eines ohnehin ständig falschen Filmes in meiner scheinbaren Realität. Ich sprach wieder davon, dass ich bei alle Mitschülern und Mitschülerinnen, das Gefühl hatte, sie sind wer sie sind aber ich ein eigentlich ganz anderes Kind und dass ich glaube, dass mein Leben richtiger wäre wenn ich in dieser Realität ein Mann wäre.
Doch in dem Raum in dem ich war, blieb alles ein lebendig begrabenes Gefühl, das ich nur überlebte, in dem ich mich auf meine Ziele fokussierte und mein Hauptziel war gewiss, ich hatte all dieses unvorstellbare Glück nun wahrhaftig in Münster an der Mediengestalter Schule zu sein um nicht irgendeinen sondern diesen für mich einzig richtigen Beruf zu erlenen. Es war nicht vorstellbar, wegen irgendwelchen Unpäßlichkeitsgefühlen aufzugeben. So schlecht ich mich auch fühlte, so müde ich war, die Kaffeemaschine war schon im ersten Augenblick des Tages gut vorbereitet startklar und alles andere von da aus irgendwie machbar.
Am Tag meiner Zwischenprüfung holte mich, bei allem Vertrauen in meine Motivation jedoch mein Chef persönlich ab um mich zur Schule zu fahren. Er erzählte mir dabei, wie froh er gewesen, wenn das jemand damals für ihn getan hätte und dass er es wichtig findet, dass ich in Ruhe dort ankomme und ich verstand natürlich, wie Recht er damit hatte und war sehr dankbar. Vielleicht war es nachdem ich einmal beim Autofahren auf dem Rückweg eine Panikattacke hatte, die mir das Gefühl nahm weiterfahren zu können, so dass ich den peinlichen Vorfall Realität werden lies, in dem mich Tanja und die Petrausch abholen mussten weil ich auf der Autobahn gestrandet bin und das Gefühl hatte, nicht weiter fahren zu können.
Die Prüfung an sich erschien mir unproblematisch auch wenn ich kein sicheres Gefühl zu der Gesamtsituation haben konnte. Ich hatte es irgendwie geschafft und immer mehr erfolge auf meinem Überlebenskampf gesehen, im Gefühl, wenn ich dran bleibe, komme ich automatisch auch an.


In dieser Zeit glaubte ich dennoch wirklich, ich müsse nur gut genug darin werden, anzunehmen was ist um die Probleme die ich habe, nicht mehr zu haben. Doch das Leben zeigte immer wieder, wie heuchlerische es vor diesem Spiegelbild war und wie traurig, demütigend und hilflos ich vor mir selbst in allen Situationen war.
Dennoch schien es in allem schon deutlich um etwas größeres zu gehen. Die emotionale Vollkatastrophe ist schon passiert und wurde irgendwie überlebt, wir hatten diese Prüfung überstanden und es fühlte sich umso sicherer an, dass alles eben kam wie es kam und wir danach das bestehende Paar noch umso besser waren.
Die Verhaltenstherapie fokussierte sich auf Überlebensstrategien und den bestmöglichen Umgang mit Egotodesfällen oder betrunkenen nächtlichen Eskalationen. Schließlich hatte auch ich, zuletzt in der Heinrichstraße vor Wut noch eine Scheibe in der Glastür eingetreten, als ich von diesem befürchteten oder heraufbeschworenen tatsächlich doppelten Betrugsfall erfahren hatte weil ich zu dieser Zeit an diesem Ort stand.
Ich konnte in Situationen geraten, in denen impulsive Handlungen sekundenschnell auftreten und den Arsch eines Barkeepers treffen konnten, nur weil ich ganz gewiss nicht mit all meinen Gefühlen wie sie logischerweise waren, umgehen konnte.
Und wenn wir beide getrunken haben, konnten wir auch beide in mentale Ausnahmesituationen geraten in denen wir durch unsere jeweils einander in den Grundängsten triggernde Verhaltensweisen an den Tag legten. Tanja wurde distanziert, abweisend und ich versuchte aufdringliche Beschwichtigung, klammerte und heulte, was alles nur schlimmer machte. Irgendwann, durch die Therapie und meiner Beschäftigung mit dieses Krankheitsmustern lernte ich immer aufrichtiger und angemessener mit den Situationen umzugehen und dann wirklich nach Hause zu gehen.
Doch wieder lernte ich nur Ausweichverhalten, wo ich das Gefühl hatte näher rein zu müssen, musste ich mich weiter rausziehen und nur darauf achten, das alles in einem emotional erträglichem Rahmen für beide bleibt. Es gab keine wilden Fetzereien oder gar Handgreiflichkeiten aber das psychische Belastungslevel wurde regelmäßig für beide maximal ausgespielt, allein weil diese Kindheitsmuster nicht gut kombinierbar waren.
Dafür lernten wir umso besser, durch die erforderliche Professionalität, die das zusammen arbeiten Müssens erforderte, nicht nur so zu tun, sondern auch selbst zu lernen und zu sehen, das wir irgendwo auch immer noch auf einer Ebene stehen, die grundsätzlich schon funktioniert.
Doch das gewachsene Vertrauen und persönliche sich mitentwickeln hat nun diesen schicksalhaften Zufallstag stattfinden lassen, an dem wir das Inserat der Mieter vom Haus am See fanden.
Es war für mich ein sehr erstaunliches, ungewöhnliches Gefühl von Anfang an, gerade in Bezug auf unsere realistischen Chancen diese Bude zu bekommen. Es war eindeutig so ziemlich ausschließlich für junge Paare gemacht, die noch fit genug waren ein bisschen zu klettern und nicht allzu viele Möbel hatten.
Wir haben uns gefreut das Inserat zu finden und gleich auch darauf geantwortet um einen Besichtigungstermin auszumachen. Wie so oft in solchen Situationen, schauten wir uns die Gegend sobald wir konnten schon an. Wir waren vorher schon dort, der letzte Ausflug führte uns schon an den See und dieser war ganz sicher der beste Ort an dem man in dieser Gegend leben konnte weit und breit und nun waren wir da, an einem Sonntag für den größten Traum bereit.


Aufgrund all dieser Wunderhaften Zufälle, die so zusammen gekommen sind fühlte ich wirklich viel Vertrauen darin, dass dieser scheinbare Notfallplan die totale Erfüllung werden kann, weil es genauso aussah, wie genau das, was man immer wollte.
Obwohl ich nur einen Ausbildungsvertrag und noch die Privatinsolvenz laufen hatte, standen wir plötzlich bestmöglich als potenzielle Nachmieter da. Der Vormieter sprach meine vorher geäußerten Gedanken aus, die sagten, es sie wie der Sechser im Lotto hier zu wohnen.
Mir war klar, wir standen irgendwie sehr seltsam, doch gleichzeitig sehr vorteilhaft da um tatsächlich gute Chancen zu haben. Er schrieb unsere Daten für den Vermieter auf. Zwei Frauen mit kleinem Hund von der Zeitung.
Und wirklich kam uns als nächstes der Vermieter in meiner Wohnung besuchen um uns den Grundriss zu geben und uns genau überlegen zu können ob alles in das achteckige Ferienhaus auf zwei Etagen passen kann. Die Lage wurde also ernst, wir lebten mit der Aufregung und der Anspannung. Bevor es zu einem weiteren Treffen und dem tatsächlichen Entschluss kam gab es wieder eine schwierige Phase die zur Folge hatte, das Tanja den Termin absagen wollte.
Daraufhin flüchtete ich aus der Gesamtsituation, zu Fuß geleitet vom iPhone, direkt vom Arbeitsplatz nach einem eskalierten Spazierging in die Notaufnahme der Psychiatrischen Klinik der Stadt, gefühlt im Unklaren darüber ob ich mein Leben überhaupt noch ertrage, stolperte ich dort rein, warf mich auf den Boden und weinte.
So konnte ich wohl erstmal da bleiben um etwas Abstand zu bekommen. Doch die Situation wurde auf ganz andere Weise umso seltsamer. Auf dem Zimmer gab es direkt Probleme, die zu einer Verlegung führten und mir ein Einzelzimmer ermöglichten. Ich weiß nicht mehr was es war, nur dass da etwas seltsames, gegenseitig unangenehmes war. Ich weinte dort viel, fühlte mich noch falscher und schrecklicher und verweigerte jegliche Untersuchungen körperlicher Art aus scheinbar unerfindlichen Gründen. Ich war irgendwie am Boden zerstört aber unfähig zu benennen oder darauf kommen zu können, wo die Wurzel allen Übels eigentlich liegt. Ich empfand nur eine unbeschreibliche Wut, Trauer und Angst in Bezug auf mein Leben oder das, was es zu sein schien.


Also ging ich nach kurzer Pause, die sehr relativ war umso aufrichtiger wieder raus um mein persönliches Elend zu retten und meine Ausbildung so oder so erfolgreich abzuschließen während ich nun schonmal all dieses Beste aus der Zeit machen kann, die an sich schon wirklich schon so wundersam da war, dass ich zwischen Grünen Feldern und Wiesen, Menschen und Tieren war und eine einigermaßen Gute Zeit hatte in bis dahin ungewohnter menschlicher Gesellschaft aber auf automatisch immer natürlicher werdender Weise.
Ich trug zum zweiten Mal Dreadlocks in meinem Leben und sie waren der Spiegel des Richtigen im Falschen und des Falschen im Richtigen auf so vielfältige Weise aber gehörten deswegen dazu, weil ohnehin keine Frisur je wirklich passend war. Die Frisur war ein authentischer Beweis meiner Zeitreise durch verschiedene Leben, die alle nur gemeinsam hatten, das sie sich nicht ganz echt anfühlte und dabei doch so viel waren.
Es ersparte mir schon viel schlechte Energie mit dem Auto zur Berufsschule zu fahren und mich nicht mehr dem öffentlichen Berufsverkehr auszusetzen. Ich flüchtete während der Fahrt immer in mein Notizbuch und schrieb Brief, die ich meistens gar nicht abschickte und nur für mich Selbst verfasste.
Aber dann kam alles, wie es scheinbar kommen sollte und doch, vertraute ich der Situation nicht genug um wirklich alle Zelte abzubrechen, die so Mühevoll oder ebenfalls wie ein Geschenk vom Leben aufgebaut waren. Ich organisierte einen Untermieter für meine Stadtwohnung, um diese nicht gleich ganz aufzugeben. Er übernahm jedoch Küche und Kaution und wurde vom Mietverein geplanter Nachmieter übernommen.
Zum Umzug hatten wir Hilfe von Guido und den Arbeitskollegen, trefflicher Weise auch einen mit eigenem Umzugsunternehmen und entsprechenden Fahrzeugen und Lagerplatz. Es war immer alles wie für uns gemacht, zeigte sich bereits zu beginn des Jahres mit dem Kauf des neuen Familiensofas, das wir im Laden für 900 Euro ausgesucht haben aber dann von einem jungen Paar für 400 Euro nach ein Paar Monaten abgekauft haben, ohne über mögliche energetische Nachteile nachzudenken… Es regnete aber wir kamen mit Katjas PKW Anhänger auf dem wir bei stärker werdendem Regen das riesen Sofa in zwei Teilen gestapelt festschnürten. Dieses Sofa passte auf den Zentimeter genau an die 325 Zentimeter lange Wohnzimmerwand dieses achteckigen Ferienhauses. Dies machte umso bewusster, wie richtig nun die Ankunft in dieser Wohnstätte war, die auf den ersten Blick so viel mehr als nur das war.


Obwohl nach der ersten Nacht noch der Regen durch das Dachfenster auf unser Kopfkissen tropfte schien ansonsten alles räumliche was wir mitbrachten perfekt in dieses Haus zu passen. Das wichtigste war der Kaminofen im Wohnzimmer und wir kauften mit einem der Kollegen zusammen dreizehn Raummeter ein und stapelten vor der Hütte direkt viel Holz zu einem relativ guten Preis im Carport.
Doch so wundervoll und gemütlich es nun auch zu sein schien, umso einsamer und gelangweilter fühlte ich mich von der Alltagssituation, vor allem wenn Tanja nach dem Kochen nur Fernsehen wollte und wir obwohl wir den ganzen Tag zusammen verbrachten, gar keine wirkliche gemeinsame Zeit oder echt gefühlte Ebene dafür hatten. Es ging immer um das Funktionieren, das Durchhalten, das Aushalten. Ich verbrachte die Zeit am Computer, spielte weiter wie immer aber genau diese Situation, war schon vorher immer der Fall, wenn ich doch einsam war, egal wo und mit wem ich war.
Gefühlt war immer diese Wand zwischen mir, allen Menschen und dem Leben an sich da. Alles was daran etwas ändern konnte, waren die Tiere oder die Zeit in der Stille meiner inneren Welt oder bestenfalls beides zusammen. So fehlte mir sogleich die Gesellschaft kleiner Tiere, während der Hund nun immer mit Tanja auf dem Sofa abhing, die ihn in ihrem Bann hielt, so dass ich begann mich auf bisher unbekannte Weise einsam zu fühlen obwohl scheinbar nun alles wirklich perfekt da zu sein schien.
Als ich während der Arbeit eine Kleinanzeige über Frettchenwelpe in der Wochenzeitung platzierte, fiel mir ein, dass ich doch etwa zehn Jahre zuvor von Berlin aus davon träumte, später ein Häuschen im Grünen zu finden, mit der Möglichkeit solche Tiere zu halten. So überredete ich Tanja, davon schwärmend, das ich doch schon so lange ein Buch über Frettchen wegen genau dieses Traumes hatte. Also fuhren wir hin, gleich nach der Arbeit um Beide zum ersten Mal Frettchen live zu sehen.
Diese Tiere waren allerdings besonders rüpelhafte Exemplare, die ein Jäger in seinem Stall für Jagdzwecke hielt und nun auch vermehrte. Allerdings schienen sie weder besonders erzogen, noch an menschlichen Kontakt gewöhnt und wir empfanden den Gesamteindruck nicht ausreichend. Doch gleich darauf fand ich das Inserat einer Züchterin, deren Frettchen sehr familiennah lebten und eine für Anfänger besser geeignete Grundlage hatten auch wenn sie ebenfalls aus einem Außengehege kamen. Bei uns zogen sie erstmal in die Gartenhütte und ich verbrachte nun jeden Abend allein viel Zeit mit der Welpenausbildung, obwohl ich währenddessen mit ihnen spielte, auf die Weise wie sie spielten während ich ihnen zu verstehen gab, wann wie fest sie ihre Zähne in meine Haut drücken dürfen und wann es zu schmerzhaft wird.


Die Frettchen wussten nach einiger Zeit gut zu unterscheiden, wie fest sie „zubeißen“ dürfen, vor allem wenn Kinderhände ins Spiel kamen, wurden sie intuitiv viel vorsichtiger.
Für mich war alles besser und stimmiger, als die Frettchen dabei waren, zur Familie gehörten und ich mein Parallelweltleben zwischen ihnen verbringen konnte und das Gefühl hatte meine Freizeit sinnvoll zu nutzen, wenn ich bei den Tieren mehr von dem Gefühl haben konnte, das sonst so oft fehlte, dieses Gefühl einfach sein zu können, ohne Worte, ohne Erklärungen, einfach intuitiv.