Im Sommer 97 gab es eine Klassenfahrt die zufällig von den Klassen von Sabrina und mir zusammen organisiert wurde. Wir hingen nur noch zusammen ab seit Sabrina mir erzählte, dass ihre Mutter sie, wenn sie ein Junge geworden wäre „Christian Teo“ genannt hätte, nannte ich sie nur noch Teo. Daraufhin fing sie an mich Willi zu nennen und so waren wir seitdem nur noch als „Teo und Willi“ unterwegs.
Die Klassenfahrt lief dann auch einigermaßen erträglich, weil Teo und Willi zusammen dort waren und Unfug machten, wie sich nachts in anderen Bungalows aufhalten und dann unter den Betten verstecken. Es waren spannende Momente als die Lehrerin den Raum kontrollierte und uns nicht fand.
Zu den Filmstudios sind wir immer noch gefahren wenn es zeitlich passte. Aber inzwischen wollte ich nicht mehr dort hin um Denise und Oliver zu sehen, denn Christina ist aufgetaucht und ich bestaunte sie zum ersten Mal als sie noch gar nicht im Fernsehen zu sehen war. Sie war klein, blass und immer schwarz gekleidet. Vermutlich bekam sie deshalb die Rolle der todkranken Eva, die nun statt Denise die Freundin von Oliver spielen sollte.
Ich nannte sie Blacky. Sie erzählte uns, dass sie noch zur Schule geht und Theater spielt aber nun diese Rolle in der Serie bekommen hat und dann nach der Schule zum Dreh kommt. Also so wie wir, nur das unsere Rolle auf einem etwas anderem Schauplatz spielte. Sie freute sich sehr darüber, dass wir uns für sie interessierten, obwohl sie noch gar nicht im Fernsehen zu sehen war.
Und genau deshalb interessierte mich diese zauberhafte Erscheinung umso mehr und ihre Nähe fühlte sich auf viel erträglichere Weise gut an. Sie durfte vor meinen physischen Augen wie ein ganz normales Mädchen erscheinen, was noch keinen Superstarstatus hatte. Sie war eine Schülerin, die noch nie im Fernsehen war, niemand kannte sie – und ich spürte das Feuer der Freude in dieser Zeit, ihr erster echter Fan zu sein.
Doch mir war wieder einmal sehr schmerzlich bewusst, dass ich der heimliche Verehrer im Körper eines kleinen blonden Mädchens war und für das Herz meiner Angebeten noch immer unsichtbar.
Aber das Erleben der intensiven Gefühle im Inneren war mir das Schauspiel wert auf der Bühne dieser Straßen einfach undercover unterwegs zu sein. Es hatte etwas abenteuerliches und sehr romantisches. Ich versteckte mich hinter dem Schein und meinen Alibibegleiterinnen, während ich trotz aller Zwietricht einen Hauch der feurigen Eindrücke abbekommen wollte dir mir ansonsten vollkommen verwehrt waren. Es war eigentlich nichts als eine Schmach aber ich tat mein bestes, um etwas Freude daran zu finden.
So kam es in diesem Sommer 98 dazu, dass Christina uns erzähle, dass sie eine Theateraufführung hat und vielleicht lud sie uns dazu ein aber für mich war sofort klar, dass ich als ihr erster Fan, dort hin muss und sie im Stück „Ackermann und Tod“ unbedingt sehen will.
Ich war vor diesem Tag sehr aufgeregt und freute mich darauf mehr als auf Weihnachten und Geburtstag zusammen. So seltsam die Situation auch erschien, sie gab mir Gelegenheit Christina zu zeigen – wie sehr sie mich interessiert.
Als der große Tag endlich kam fuhren meine Eltern mich und Teo zur Freilichtbühne in Berlin wo der Theaterabend stattfinden sollte.
Es war eine kleine Kulisse mit einigen Stühlen davor in einem Wäldchen, eigentlich wirkte die Stelle wie eine Lichtung. Die Lichtverhältnisse waren sehr stimmungsvoll und es spielte interessante Musik. Leider kam Christina erst später und viel zu kurz in diesem Stück vor aber sie erschien wie ein strahlender Engel auf dieser finsteren Bühne. Und ich war so verzaubert, dass sie mich nur begeistern konnte. Nach der Show warteten wir noch wie sonst vor den Studios auf die Aftershowbegegnung und diese fiel zu meiner Freude auch recht umfangreich aus, fast schon zu umfassend, denn Christina plauder plötzlich über Probleme mit Männern. Sie erzählte von drei verschiedenen mit denen sie etwas hatte und der Informationsfluss störte mich zunehmend.
Und irgendwie verblasste die Magie ihrer vorherigen Ansprache als sie sagte dass sie sehr dankbar ist dass wir gekommen sind und uns niemals vergessen wird und das wir ihr versprechen müssen dass wir sie auch niemals vergessen würden. Ich dachte nur … wie könnte ich.
Sie war die das erste echte Mädchen auf dieser Welt, welches mich derartig real in meiner Parallelrealität verzaubert hat, dass ich alles um mich herum vergessen konnte.
Ich versuchte in einer Weise präsent zu sein und teilzuhaben am Leben und Erleben, welches auch wenn es so ungewöhnlich und anders war als im Leben meiner Klassenkameraden, doch große magische Wunderkräfte entfesselte.
Als Christina am 11.10. Geburtstag hatte riefen Teo und ich schon früh am Morgen bei ihr an um ihr zu gratulieren und tatsächlich sagte sie wir wären die allerersten die ihr heute gratulieren, ihre Eltern würden noch schlafen. Sie freute sich und zu unserem Erstaunen schlug sie sogar vor, dass wir uns in der letzten Ferienwoche ja mal treffen könnten.
Dieser Vorschlag hätte mich normalerweise in totale Freude und Aufregung versetzen müssen – doch die Vorstellung ängstigte mich aufs Unerträgliche. Dennoch stimmte ich natürlich zu und wir wollten dann in den nächsten Tagen nochmal telefonieren. Dann konnte ich sie nicht erreichen und als sie bei mir anrief war ich nicht da und dann war die letzte Ferienwoche schon vorbei und es kam nicht dazu.
Bei uns Zuhause waren wieder wilde Zeiten angebrochen. Zu aller Enttäuschung konnte mein Vater sein Versprechen an die Familie nicht halten und es spielten sich genau die selben Szenen wie zuvor in Oranienburg ab und es wurde noch schlimmer.
Ich musste regelmäßig dazwischen gehen, wenn er anfing meine Mutter körperlich zu attackieren. Er spielte sich auf, sie machte es oft noch schlimmer, beide verfingen sich in ihrem Teufelskreis und kamen nicht zu verstand. Ich ärgerte mich über sie beide und bedauerte sie für ihr niederes Verhalten. Und doch nahm ich meine Mutter automatisch viel mehr in Schutz und drohte meinem Vater, hielt ein Messer auf ihn gerichtet und vermittelte ihm dass ich es ernst meine und ihn verletzen würde.
Mit Michael habe ich ein Schlafsofa vom Sperrmüll geholt auf dem meine Mutter, die anfing auf meinem Sessel zu schlafen dann nächtigen konnte. Ich weiß nicht was er auf der anderen Seite mit ihr getan hat und vorhatte. Vermutlich war es nach der begangenen Vergewaltigung. Jedenfalls muss es schlimm gewesen sein, dass meine Mutter anfing sich in meinem Zimmer vor ihm zu verstecken.
Sie ging dann zum Amtsgericht und bewirkte einen Beschluss auf Grund dessen mein Vater die Wohnung sofort zu verlassen habe, da er ansonsten zwanzigtausend Euro Strafe zahlen müsse.
In diesen Schweren Zeiten war Christina mein einziger Lichtblick, Ihre Erscheinung kam in meinen Augen einem Engel gleich und ich stellte in meinem Tagebuch so direkt die Frage, ob es sich bei Christina um einen Menschen oder einen Engel handle.
Aber während ich diese intensiven Gefühle für Christan empfand wusste ich immernoch nicht mit diesen umzugehen. Irgendwie fühlte es sich so natürlich an aber der Gedanke als Mädchen in Mädchen verliebt zu sein fühlte sich total absurd an. Ich konnte keine vorstellbares Bild in der Realität entwickeln dem meine Gefühle entsprachen. Es war nicht möglich mir vorzustellen, mit ihr zusammen zu sein, als Liebespaar. Die Vorstellung war ganz klar nicht das was ich wollte aber die Gefühle, waren trotzdem da.
Und gegenüber meines Freundes Michael empfand ich nicht annähernd solche Gefühl und zwischen uns fand so gut wie nichts statt, was darauf hingedeutet hätte, dass wir als Liebespaar zusammen sind. Er war mein Kumpel, dem ich eigentlich erzählen wollte wie ich mich gegenüber Christina fühle und dass ich in sie verliebt bin und nicht in ihn.
Aber ich traute mich zuerst nicht ihm diese Wahrheit zu sagen, auch wenn er es zu spüren bekam, in dem nichts zwischen uns lief wie er es sich vielleicht wünschte und für mich war klar, dass diese Alibibeziehung früher oder später sowieso enden wird. Also machte ich ehrlicherweise ein paar Tage später schon mit ihm Schluss aber suchte weiter nach einem Jungen der machen könnte, dass die Gefühle zu Christina verschwinden. Ich war so sehr mit der Unlebbarkeit konfrontiert, dass ich eigentlich verzweifelt versuchte einen Ausweg aus meiner Aussichtslosen Lage zu finden.
Doch immer wieder stellte ich fest, dass bei aller Ablehnung, diese Gefühle in mir, soviel stärker waren als alles was mich um mich herum berühren könnte. Mir war bewusst, dass ich die Jungs die dachten ich könnte ihre Freundin sein nur verarsche und ein bisschen taten sie mir auch leid.
Es war so quälend und ich wusste einfach nicht wie ich das alles verstehen sollte. Die Jungs waren meine Kumpels die leider dachten ich könnte ihre Freundin sein. Und ich habe gedacht ich könnte irgendwie machen dass das geht – aber es war immer dieses Schauspiel und nie mit echten Gefühlen verbunden.Wir hingen einfach zusammen ab und sie nannten mich Willi. Aber eine natürliche Art wie alle anderen Jugendlichen zu sein, war mir schlicht unmöglich und so fühlte ich mich sehr verwirrt vom Leben und all den Gefühlen die ich nicht einordnen konnte.