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Nach der Trennung wollte ich nur noch sterben – oder Dreadlocks haben und einen schwarzen Hund. Also ging ich im ersten Monat des Jahres 2003 in den Afroshop gegenüber unseres Hauses in der Neuhäuser Straße 22 und zum Psychologen ein paar Häuser weiter.

Meine Seele hat mich in diese Gegend geführt – zuerst fühlte ich mich wie ein Superheld im Märchen – dann war der Traum wenige Monate später schon wieder aus und ich musste mir überlegen wie es nun weitergehen soll – nun sollte mich meine Seele da auch wieder raus führen und ich spürte die Bemühungen während mir einige Möglichkeiten vorschwebten. Ich dachte an eine kleine Wohnung in einem Ostberliner Viertel. Eigentlich wusste ich nicht woher ich die Kraft nun noch nehmen sollte – aber irgendwoher kam das Gefühl ich könnte das schaffen.

Mein Vater holte mich nach einer wahrscheinlich durchgezockten Nacht in der er nicht gewonnen hat entsprechend genervt und überanstrengt ab aus der Stadt in der ich meine ersten Möbel selbst gekauft und durch die Straßen nach Hause getragen habe. Zu meiner Demütigung verhielt er sich mir gegenüber als hätte ich irgendetwas falsch gemacht, dass ich mich nun in dieser Lage befand und brachte immer wieder Fragen in Richtung warum ich da überhaupt hin bin – so als wäre ganz klar gewesen, dass das nicht funktioniert. Er brachte mich zur noch größeren Demütigung zurück zu meiner Mutter und ich fühlte mich entsprechend hundeelend als ich mich wieder in meinem kleinen Zimmer befand.

Ich ging in die Badewanne und einmal schlafen, dann türmte ich schnellstmöglich zurück in die Stadt aus der ich geflüchtet bin. Zu allem übel traf ich mich erstmal mit Julia – die meinetwegen möglicherweise an die falschen Leute geraten ist, denn sie wohnte nun bei einer fast glatzköpfigen Frau und sie nahmen Kokain. Ich berichtete ihr dennoch meinen wohl verdienten Schicksalsschlag und sie empfand etwas Genugtuung, bestaunte mit mir das Karma und unsere Wege trennten sich wieder. Anita war mir nicht böse und holte mich mit ihren neuen Freunden im Auto ab. Linda und Jazz kamen aus Brandenburg. Jazz nannte ich Harry weil sie aussah wie Harry Potter und mir nicht als Frau erschien. Es war ein netter Versuch mich in Gesellschaft abzulenken und aufzumuntern aber ab und zu fing ich zwischendurch an zu weinen und alles tat schrecklich weh. Es war mir noch lange Zeit unbegreiflich wie so etwas eigentlich schönes so böse und traurig ausgehen kann und irgendwie ist ein großer Teil meiner Welt mit dieser ersten Liebe die nicht so funktionierte wie sie sollte in mir zusammengebrochen.

Doch ich begab mich sehr schnell wieder ins Internet um eine Ersatzfreundin zu finden und ich wurde schnell fündig. Das Austauschmodel war sogar so gut gewählt dass Maria mir schrieb dass ich doch meine Neue nicht danach aussuchen soll dass sie aussieht wie sie. Für mich war es reiner Zufall oder ich ging davon aus, dass dunkle Augen und dunkle Haare eben offensichtlich mein Beuteschema sind. Auf jeden Fall waren erst wenige Wochen vergangen als ich mich am 03.03.03 mit Claudia aus Blumenberg bei Magdeburg zum Schlittschuhlaufen traf. Ich trug eine weinrote Cordhose und eine Braune Hippiejacke mit Kunstfilzfell. Nachdem ersten Date sind wir dann zu Anita gefahren, wo wir auf dem Hochbett geschlafen haben und Anni auf dem Sofa. Es war eine freundliche Ferienlageratmosphäre. Im Fernsehen lief Werbung für das Rock im Park Festival und ich beschloss Karten zu besorgen und Claudia diese Reise zum Geburtstag zu schenken. Ihr Geburtstag war der erste Mai und das Event sollte etwa einen Monat später an einem Pfingstwochenende sein.

Die nächsten Treffen fanden in zunehmend männlicher Kleidung statt und ich fuhr in Zukunft mit der Regionalbahn nach Magdeburg um dort zu Gast zu sein. Die Eltern hatten ein großes altes Bauernhaus und einen großen Hof. Als ich zum ersten Mal dort am Abendbrottisch saß kam ich mir mehr als seltsam vor aber fühlte mich auf ostdeutsche Art auch irgendwie heimisch. Claudia hatte jedenfalls so eine richtige Familie, wie ich sie nicht hatte und die Frauen die ich bis dahin kannte auch nicht. Auf jeden Fall waren diese Eltern cool genug mich trotz aller Seltsamkeiten in ihrer Familie herzlich willkommen zu heißen. Claudias Zimmer war altmodisch eingerichtet mit einer riesigen Schrankwand aus DDR Zeiten. In der Ecke ihres Zimmers stand ihr Computer.

Wir hatten etwa eine Woche gechattet bevor wir uns trafen und sie hatte mir von ihrem Selbstverletzendem Verhalten erzählt und tatsächlich waren an ihren Beinen viele feine Narben erkennbar, die sie mit Rasierklingen hineingeritzt hat um ihren eigentlichen Schmerz nicht mehr zu spüren, wie sie mir erklärte. Sie tat mir leid und ich wollte dass das aufhört, ich verstand nicht wie so ein gut behütetes Mädchen mit Einser Abitur sowas machen kann und gleichzeitig verstand ich es genau und probierte es selbst mal aus, nur um festzustellen, dass es nichts besser machte und sich kein bisschen gut anfühlte. Nach einiger Zeit sehr erfolgloser Wohnungssuche in Berlin sah ich keine andere Möglichkeit als meinem Glück mit gefälschten Gehaltsabrechnungen auf die Sprünge zu helfen.

Ich meldete mich bei einem Jens, der einen Nachmieter für seine 1-Raumwohnung in Prenzlauer Berg suchte. Er verlangte einen viel zu hohen Abschlag für eine alte Küche und andere alte Möbelstücke. Ein paar davon konnte ich gebrauchen, ich kaufte nur noch ein paar Kellerregale und ein Hochbett von Ikea dazu. Meine Mutter löste wegen der Wohnung mein Sparkonto auf und ich besaß kurzzeitig zum ersten und bisher einzigen Mal in meinem Leben 2000 Euro auf einmal. Doch die Beantragung der Arbeitslosenhilfe bzw. Sozialhilfe gestaltete sich für mich schwierig. Der Gang zum Amt und die Situation dort fielen mir sehr schwer. Ich schämte mich, fühlte mich surreal und irgendwie bestraft dafür – dass ich lebe. Ich war schnell überfordert und depressiv, stand nachts fassungslos am Spiegel und fragte mich wer dieses Wesen nun ist und was das alles werden soll aber fand vorerst keine Antwort, stattdessen unzählige Fragen.

Als es soweit war, dass das Festival beginnen konnte fuhren wir mit dem dem kleinen blauen Clio die ganze Strecke Richtung Nürnberg, relativ entspannt, hörten Musik und machten häufiger Pausen so dass wir etwa acht Stunden brauchten um auf dem Festivalgelände anzukommen. Das Erlebnis an sich war in meinen Augen was ich unter allen Umständen einfach mal gemacht haben wollte. Wir reisten mit einem Zelt und unseren Bettdecken von Zuhause an. Es war heiß, unser Zelt stand jedoch recht kühl im Grünen. Wir liefen von Bühne zu Bühne. Ich war erstaunt wieviele Leute mit Dreadlocks da waren. Claudia hatte mir kürzlich geholfen meine Dreads aus dem Afroshop ordentlich mit einem Filzkamm zu filzen, was zur Folge hatte dass sie etwa zehn Zentimeter kürzer waren aber ich fand es gut.

Nach dem Festival machten wir noch kleinere Ausflüge in Magdeburg und dem Berliner Zoo. Bevor wir unsere Reise zur polnischen Ostsee antraten. Wir zelteten in Rewal und Swinemünde auf Campingplätzen und konnten uns plötzlich leisten jeden Tag auswärts zu Essen weil wir für unsere Euros so viele polnische Zlotys bekamen. Es war mein erster und einziger Urlaub dieser Art für sehr lange Zeit, was ich damals noch nicht wusste. Ich war es gewohnt mit meiner Familie irgendwo im Urlaub zu sein, wo man dann meist mehr Streß und Anstrengung erlebte als Zuhause aber dieser Urlaub war ein anderes Gefühl von Freiheit und erlaubt mir ein großes Stück mehr.

Eines Tages fiel mir eine Zeitung in die Hand in der ich in einer Annonce las das ein Mann Pekinesenwelpen abzugeben hatte. Ich rief impulsgesteuert dort an und machte einen Termin aus. Zusammen mit Claudia fuhr ich dort hin. Als wir die Treppe heraufgestiegen sind stand der Mann mit dem Welpen in der Hand an der Tür. Mein erster Gedanke war – „ist der hässlich“ und ich fragte mich leise ob es noch andere zur Auswahl gab. Auf den zweiten Blick war dieser kleiner Hund sehr beeindruckend und verzauberte uns auf mit welpentypisch verspielter Art. Inzwischen war mir auch aufgefallen, dass dieser Welpe ziemlich genauso aussah wie unser erster Pekinese, wie Bella, die von meiner Mutter weggegeben wurde und der Schicksalsschlag fühlte sich perfekt an. Insgeheim befürchtete ich, diesem Tier nicht gerecht werden zu können und wusste irgendwie dass es teilweise falsche Gründe waren mit denen ich nun die Anzahlung von 150 Euro machte und den kleinen Hund auf dem Schoß mitnahm während Claudia uns in ihrem blauen Renault Clio von West- nach Ostberlin nach Hause fuhr.

Da ich schon vor meiner Reise nach Paderborn einen kleinen Hund anschaffen wollte hatte ich bereits die komplette Welpenausstattung bereit stehen. Die nächsten Tage waren natürlich abenteuerlich, aber alle freundeten sich sehr schnell an und es gab viel zu lachen über das kleine Tier mit ganz großen Charakter. Der erste Name des Hundes war Tammy – den Namen fand ich damals angenehm geschlechtsneutral. Wie eine Hündin kam mir der wilde Welpe nicht vor und weibliche Namen gefielen mir eigentlich alle nicht. Als wir Anita mit dem Welpen besuchten nannte sie ihn „Tier“ nach Tier aus der Muppetshow, dem Tammy wohl ähnelte.

Kurz bevor ich Claudia traf, lernte ich noch eine Ivonne kennen, die auch in Prenzlauer Berg wohnte. Als ich sie dann einmal zu ihrem Haus begleitete stellte ich fest, dass es mir gefiel und ich dort auch gern wohnen würde. Es war die Scherenbergstraße 6, das Haus von 1999 gab mir irgendwie gleich das Gefühl eher mein Zuhause zu sein als der Altbaubunker im dunklen Hinterhof meines Altbaus. Und es dauerte nicht lang, da gab es die ersten Probleme weil ich zulange brauchte das Geld vom Amt gewährt zu bekommen. Es fehlte immer noch was und ich wurde rumgeschickt, fühlte mich abgewimmelt und hatte nicht genug Kraft an dieser Stelle meiner überaus misslichen Lage zu kämpfen, es war unangenehm genug mit diesen gefühlt fremden Personalien in die Öffentlichkeit zu müssen. Beim Spazierengehen hatte ich nun zur Ablenkung von mir den Hund dabei auf den alle schauten weil er so niedlich war.

Zu meiner weiteren Demütigung wurden zwei Damen von einem Mietverein geschickt, weil ich die Miete schon in den ersten Monaten nicht zahlen konnte. Sie halfen mir aber freundlicherweise einfach dabei die Angelegenheiten zu regeln und zeitgleich saß ich die meiste Zeit am Rechner, hörte Musik und vertrieb mir die Zeit. Ich begann wieder zu schreiben, ich schrieb viel um mich zu reinigen doch nichts konnte meine schlechten Gedanken so richtig befreien, in allem blieb so ein fades Gefühl von Illusion. Claudia machte in diesem Jahr ihr Abitur und wollte danach in Berlin Psychologie studieren, ihr Notenschnitt von 1,7 reichte nicht für jede Uni aber sie wurde an der Humboldtuniversität angenommen.

Meine Wohnung war kein Ort wo ich lang bleiben wollte und für uns beide war sie zu klein, auch wenn wir die erste Zeit noch dort waren als Claudia die ersten Male in die Uni ging. Ich lies mir von Ivonne die Kontaktdaten des Maklers geben der für die Vermietung der Wohnungen in ihrem Haus zuständig war. Er lies mich wissen dass im Dachgeschoss eine 2 Raumwohnung frei werden würde die wir ab Dezember mieten könnten. Ich fälschte ein weites Mal die Gehaltsabrechnung der ehemaligen Arbeitsstelle und Claudia bekam ein Bürgschaft von ihren Eltern und wir bekamen die Wohnung. Die Freude war groß. Ein besserer Unterschlupf hätte sich nicht finden können.

Ich hatte zwar keinen blassen Schimmer was aus mir werden sollte sowohl beruflich als auch privat aber nun bekam ich endlich das Zimmer dass ich brauchte aber bis dahin nirgendwo fand. Ich habe es in orange gestrichen – eine knallige, kräftige Farbe – die jedoch irgendwie etwas beruhigendes hatte. Dazu kaufte ich überwiegend einzeln und aus zweiter Hand blaue Möbelstücke aus einer Jugendmöbelserie von Ikea, der Knaller des Farbspektakels in meinem Raum war jedoch der Teppich mit vielen dünnen bunten Streifen. Ich fand mein Zimmer perfekt und fühlte mich darin vorerst sicher und wohl. Das Fensterbrett in der der Schräge war gerade und breit genut um darin zu sitzen oder zu liegen. Die Aussicht fiel auf einen Schulhof und die Klingel der Schule begleitete an jedem Wochentag meinen Vormittag.

Inzwischen war mit meinen Finanzen alles geregelt und das Amt lies mich zumeist in Ruhe. Ich konnte mir nicht wirklich erklären warum aber ich hatte mehr und mehr das Gefühl nicht ertragen zu können wie ich in der aussenwelt angesehen und behandelt werde. Unabhängig davon dass die meisten Orte sich unnatürlich und seltsam anfühlten, hatte ich ein erhebliches Problem mit meinen Personalien. Mir fehlte nicht der Bezug zu meiner Seele und meinem Geist aber die Person die ich in den Augen anderer war, passte in keinen Rahmen und ich wusste schlicht nicht wohin mit mir.

Ich wusste nicht was dieses Leben sein und werden soll. Ich machte es mir so angenehm wie möglich aber merkte schon bald wie die Schatten immer größer wurden und die bunten Farben in meinem Raum verdrängten. Ich interessierte mich für Dreads und kleine niedliche Tiere, hörte gerne Musik und schaute mir viele Filme an. In dieser Zeit sah ich viele deutsche Filme und jeder einzelne hinterliess in mir das seltsame Gefühl mein Leben zu verschwenden. Nicht mit dem Schauen der Filme, vielmehr mit jedem Atemzug den ich noch tat ohne zu wissen wozu. Ich war dort, es war okay aber ich konnte und wollte nirgendwo sonst hin. Ich fühlte mich einsam, konnte auch mit Claudia nicht über alles sprechen, hatte Sehnsucht nach Menschen im Internet die mir einen Seelenaustausch ermöglichen. Was sich immer deutlicher zeigte, war das Dilemma, dass je mehr Menschen mein Außen betreten, des verschwindender schien mir meine Existenz – desto mehr wurde ich zu dem was sie in mir sahen, aber war nicht mehr so bewusst wer ich eigentlich war. Es fühlte sich falsch an, wenn mir bewusst war, dass ich die Person bin die ich im Spiegel sehe aber alles was ich denken konnte war dass das so sein muss aber fühlen konnte ich es nicht. Ich hatte bereits erlebt wie demütigend und unangenehm es sein kann wenn ich versuche als Jessica Christ irgendwo hin zu gehen und dort irgendetwas zu tun. Mein Name war Jesi seit ich in Paderborn lebte und mir Maria diesen Namen gab wie ein Geschenk der Erlösung.

Als ich vom Job Center zu einer Maßnahme eingeladen wurde quälte ich mich einige Tage dort hin und lies mich dann krank schreiben weil ich es einfach nicht schaffte die Situation auszuhalten. Ich dachte ich leide an einer Sozialen Phobie -mit einer Psychologin wollte ich auch sprechen aber dies schien mir nach dem ersten Gespräch obwohl etwas gesprochen wurde nicht wirklich möglich zu sein. Sie gab mir eine Broschüre bezüglich dieser sozialen Angststörung. Ich stellte fest dass meine Symptome in die Richtung gingen aber konnte mir nicht erklären warum ich sie hatte.

Wenn ich mit meiner Mutter telefonierte, was etwa einmal die Woche vorkam, dann redete diese etwa 50 Minuten lang von den Geschichten ihres Altagserlebens oder persönlichen Angelegenheiten und fragte dann was bei mir so los sei. Doch einen Rat geben weil es mir schlecht ging konnte sie nicht. Stattdessen versuchte sie mir zu sagen dass doch alles nur eine Frage der Perspektive ist und es doch an mir legt wenn es mir schlecht geht, ich also selbst Schuld bin. Wenn sie Zeit hätte würde sie mich bedauern sagte sie oft. Ich wollte nicht bedauert werden. Mir fehlte jemand bei dem ich das Gefühl habe er könnte verstehen was ich sage. Ich wusste dieserzeit nicht, dass ich allein nur dieser Mensch sein könnte, also tat ich intuitiv weiterhin mein bestes dieser Mensch eines Tages sein zu können. Doch gegenwärtig befand ich mich in einem unheilvollem Chaos welches sich einfach nicht bewältigen lies.

Ich schaffte mir meinen kleinen Lebensraum irgendwo im Dachgeschoss von Prenzlauer Berg – doch tief in mir wusste und spürte ich, dass es nur ein Käfig war den ich nicht verlassen kann, wie sehr ich es auch wünsche und will. Draußen schien die Sonne aber in mir wurde es dunkel und immer dunkler. Es kamen sogar Maria mit einer Freundin aus Paderborn zu Besuch zu mir und „Fuxi“ wie ich Claudia inzwischen nannte. Maria hatte plötzlich blaugrüne Haare. Es war irgendwie schön aber auch irgendwie total seltsam.

Ein weiteres Mal besuchten wir das Festival in Bayern, diesmal bei schlechterem Wetter. Aber wir freuten uns, beide am meisten auf die Red Hot Chilli Peppers. In diesem Sommer waren wir noch ziemlich aktiv obwohl es mir psychisch und mental zunehmend schlechter ging. Es fand sogar noch eine Reise mit Mutter und Bruder zur Ostsee statt an der ich teilnahm, grotesk wie ich mich fühlte. Depressionen und Angstzustände ermöglichten mir keine Lebensqualität.

Ich empfand es als ungerecht weil ich in mir die Energie spürte die etwas tun wollte, die am Leben teil haben wollte – doch ich sah und fühlte mich absolut nicht in der Lage diese Energie auf welche Weise auch immer auch ausleben zu können. Ich fühlte mich schon erstickt bevor ich den Mund öffnete aber was herauskam war eine Qual für mein eigenes Ohr und so sprach ich oft wenig bis gar nicht während die Worte in meinem Kopf einfach anders klangen.

Als mir relativ plötzlich die Idee kam mich um die Pflege und Vermittlung ungewollter Haustiere zu kümmern, war dies mein Versuch aus all den widrigen Umständen um mich herum etwas gutes zu machen und etwas wertvolles zu schaffen mit meiner Zeit. Ich kam auf die Idee nachdem ich mich bei der Wildvogelstation des Naturschutzbunds auf eine Helfestelle beworben habe weil mir nichts anderes einfiel was ich dem Arbeitsamt vorweisen könnte. Ich habe eine Internetseite gebastelt auf der ich die Tiere vorstellte und bewarb diese zusätzlich in Kleintierforen und Kleinanzeigenmärkten. Das Projekt fand direkt sehr positive Resonanz und ich kam auf diese Weise viel mehr mit Menschen in Kontakt als ich bedacht hab, doch die Erfolge waren es wert meine misanthrophische Art zu überwinden.

Aus den ersten Ratten wurden schnell viele weitere Augen in der kleinen Dachgeschosswohnung die kurzfristig dort hausten. Eines Abends zählten wir mal über 100, als ein Mäusekäfig dabei war aber es war durchaus ein kleines Tierheim entstanden. Vielleicht schrieb die Zeitung deshalb von der Arche Noah im Prenzlauer Berg!? Von Jesi Christ!? In einem späteren Interview mit dem Reporter sagte ich, dass ich denke die Welt in der wir leben ist ein ausser Kontrolle geratenes Computerspiel.

Zu dieser Zeit kam es auch dazu, dass Fuxi sich World of Warcraft kaufte um dieses Onlinerollenspiel zu spielen. Ich sah einen Bericht dazu im Fernsehen, der davon handelte, dass sich in diesem Spiel Leute kennengelernt haben die dann geheiratet haben. Ich wollte deshalb nicht so gerne, dass meine Freundin das spielt. Aber weil es zu diesem Spiel auch einen kostenlosen Testzugang für einen Freund gab, haben wir die Reise nach Azeroth zusammen begonnen. Claudia spielte einen menschlichen Krieger und ich eine menschliche Hexenmeisterin auf Seiten der Allianz. Ich nannte sie Fuxia und der Krieger hieß Eulio weil Fuxi nicht möglich war. Es war etwas völlig Neues und großartiges in dieser Welt zu sein, die neben der Welt um uns herum eine weitere Parallelwelt war in der wir nicht wirklich waren und doch waren. Wir fanden schnell Freunde in diesem Spiel und gründeten bald schon eine Gilde, die wir Noctem Conversio nannten was soviel wie die Bekehrung der Nacht heißen sollte. Wir spielten viel PvP zusammen und meldeten uns nach jeder Schlacht gleich immer wieder für die Warsongschlucht an, denn die Wartezeit betrug 20 Minuten.

Doch nach einiger Zeit wechselte ich die Seite und erstellte eines Nachts eine untote Kriegerin namens Noxis. Ich begann mich allein durchzuschlagen. Fuxi folgte mir erst später mit einem Druiden namens Jaroquai. Aber sie ging nun öfter zur Uni und ich wusste nichts mit meiner Zeit anzufangen ausser zu spielen und mich um die Tiere zu kümmern während ich heimlich von einem ganz normalen Leben als ganz normaler Mensch träumte aber kein bißchen das Gefühl hatte dies auch tatsächlich je leben zu können. Zu alle dem bekam ich immer schlechtere Zähne und brauchte Fuxis Hilfe um zum Zahnarzt zu kommen, als der vorletzte rechte Backenzahn gezogen werden musste.

Ich träumte immer noch vom Leben als ganz normaler Jugendlicher in der Stadt aber alles was ich erlebte war gefühlt nur die Kopie einer Kopie zu der es doch kein Original gibt. Mein Leben fühlte sich in allem an wie eine Lüge und es gab nichts was ich dagegen tun konnte. Ich fand mich in einem Leben dass mit aller Kraft zusammengebastelt aber doch nichts wahrhaftiges war. Panik bekam ich wenn ich mir vorstellte je wieder irgendwohin in die Aussenwelt zum Arbeiten zu müssen. Es war unvorstellbar mich nochmal irgendwo in derart demütigende Situationen zu bringen wie ich sie zu  Beginn des seltsamen Berufslebens schon ertragen musste. Diese Tage an denen ich an jedem Morgen nur den Feierabend herbeisehnte und mich bis dahin hilflos ausgeliefert in einer Hölle befand die niemand ausser mir sehen oder spüren konnte während ich darin verbrannte wie der Phoenix der noch in den Eierschalen gekocht wird. Ich war froh, dass ich war wo ich war aber als ich bemerkte dass Claudia immer mehr mit ihren Studienkollegen unternahm und neue Freunde fand blieb ich zurück und wusste, dass sie ein Leben vor sich hat dass es für mich nicht geben kann.

Ich dachte oft an den Tod und dass es die einzig denkbare Lösung sein muss der Hölle auf Erden zu entkommen. Doch tief in mir war irgendwo immer noch so ein kleines Licht das stark genug wurde mir dann zu sagen dass mein Ende doch noch längst nicht gekommen ist und ich doch hier bin um zu erfahren was es mit all den Qualen hier wirklich auf sich hat. Ich beschäftigte mich so gut ich konnte aber jeden Tag quälte mich diese tiefe Trauer um ein Leben welches mir aus irgendwie unerklärlichen Gründen einfach nicht lebbar erschien.