Als ich eines Sonntags die kostenlose Zeitung der Stadt aus dem Briefkasten holte und hineinschaute um mir die Stellenangebote anzusehen war ich sofort schicksalhaft ergriffen von dieser blauen Textanzeige die klar und deutlich sagte „WIR SUCHEN DICH“.
Aus mir eigentlich unerfindlichen Gründen fühlte ich mich direkt gemeint, persönlich angesprochen und gerufen. Da stand tatsächlich, dass ein Mediengestalter zur Aushilfe gesucht wird und eine Ausbildung nicht zwingend erforderlich ist. Ich war gerade dabei mich im Rahmen des Praktikums und darüber hinaus intensiv mit den Programmen eines Mediengestalters zu beschäftigen weil ich soviel wie möglich mit Hilfe verschiedenster Tutorials im Internet über Photoshop und Illustrator lernen wollte. Das digitale Gestalten interessiert und fasziniert mich über alle Zeiten und Lebensphasen seit ich mit 12 Jahren den ersten Computer bekam. In der Grundschule gefiel mir die Erstellung von Wandzeitungen bereits am besten und ich bekam die gestalterischen Tätigkeiten bei Gruppenarbeiten übertragen, die ich mit großer Freude gerne übernahm.
In der siebten Klasse erstellte ich bereits erste kleine Zeitschriften bestehend aus Zeichen und Buchstaben am C64 und als der erste PC mit Windows 98 in meiner Reichweite stand verbrachte ich unzählige Stunden mit Microsoft Publisher und Paint vor dem Rechner. Als ich das Tierschutzprojekt realisierte wurde es erstmals in meinem Leben wichtig, dass ich die Möglichkeiten der digitalen Gestaltung nutzte. Während dieser Zeit dachte ich oft, dass der Beruf des Mediengestalters nützlich für mich zu lernen wäre.
Nun fühlte ich in aller Deutlichkeit, dass diese Anzeige an genau mich gerichtet war. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, welcher ausgebildete Mediengestalter sonst gerne auf 400 Euro Basis arbeiten würde und ich glaubte daran, dass das was ich bisher konnte ausreichen würde um dort mitzuarbeiten.
Ich wusste bei allen Ängsten und Befürchtungen genau, dass ich mich dort bewerben müsse, dass genau dies meine Chance ist die ich zu nutzen bekam. Also begann ich eine kleine Bewerbungszeitung zu erstellen in der ich das Opfer brachte meine Person als die perfekte Besetzung dieser Stelle anzupreisen. Als ich nach einigen Wochen eine E-Mail vom Rheiner Report erhielt wurde an einem Mittwoch zu 11 Uhr eingeladen um mich bei Tanja Kem vorzustellen, der Mediengestalterin der Wochenendzeitung.
Aufgeregt erschien ich pünklich in den gelben Büroräumen der Zeitung und stand sogleich vor dem Schreibtisch dieser Tanja. Ich gab ihr die Hand über den Tisch und es gab sogleich eine elektrische Reaktion in unserem Handschlag. Dann setzte ich mich neben Tanja und bekam den Job und ihre Arbeitsweise erklärt. Auf den ersten Blick waren die Abläufe recht chaotisch und auf den zweiten Blick ebenfalls.
Gearbeitet wurde nach Auftragszetteln und handschriftlichen Listen die nicht viel mehr enthielten als die Namen der zu platzierenden Firmen. Der Arbeitsplatz war anders als Zuhause und es dauerte ein bißchen, bis ich mich an den iMac und die leicht veränderten Eingabebefehle des Apple Computers gewöhnt hatte. Tanja wirkte als würde sie eigentlich vollkommen unstrukturiert arbeiten aber hätte alles was sie über die Arbeit wisse irgendwo in den hinteren Ordnern in ihrem Kopf gespeichert in einem Bereich der für Aussenstehende nicht einsehbar war. Ich beobachtete ihr Vorgehen mit viel Erstaunen und auch ihre Charaktereigenschaften gaben mir Rätsel auf. Sie verhielt sich völlig verschieden, je nachdem wer gerade den Raum betrat und mit ihr Kontakt trat. Irgendwie kam sie mir bekannt vor und irgendwie war sie mir auch schrecklich unsymphatisch. Sie sagte mir an den ersten Tagen, dass ich Augen wie ein Wolf hätte und nannte mich Wolfsauge ohne zu ahnen was dieser Wolf sah.
Am dritten Tag neben Tanja fiel es mir dann wie Schuppen von den Wolfsaugen woher mir Tanja so selstsam bekannt vorkam. Es gab eine einzige Person im Internet die ich bevor ich nach Rheine umzog fragte, wie es denn so ist in dieser Stadt zu leben. Diese Person war Tanja und die Internetseite auf der ich sie fragte war eine Community für Lesben. Ihre Antwort sagte so etwas wie, dass es überall gut ist wo man seine Freunde hat. Aber ich hatte in meinem Leben noch nie irgendwo Freunde und fragte mich lange ob ich dieser Tanja mal begegnen würde. Das Profilbild das ich dort sah blieb mir sehr lange im Kopf, ich sah es klar und deutlich gespeichert in all der Zeit. Ich fand es gar besonders schön oder ansprechend, es gab mir nur sehr deutlich das Gefühl, dass diese Person auf meiner Reise wichtig sein könnte. Das Bild blieb bestimmt zwei bis drei Jahre so deutlich in meinem Kopf gespeichert bis ich es fast ganz vergessen habe und es nun am dritten Tag als ich neben Tanja saß plötzlich wiederfand.
Dann war es jedoch überdeutlich, das russische Mondgesicht und die leichten Schlitzaugen waren doch sehr markant. Ich sagte ihr nichts von meiner Erinnerung und beschloss sie für mich zu behalten, schon allein deshalb weil die Plattform der virtuellen Begegnung so bezeichnend war aber ich mich keinesfalls als Lesbe bezeichnen wollte.
Als dann ihre Freundin Katja mit einer weiteren kurzhaarigen Lesbe den Raum betrat war ich vorgewarnt und gefasst auf die Begebenheit dass diese Tanja mit einer Frau zusammen war. Nach aussen hin hätte man denken können, da waren zwei junge Frauen um die dreizig die beide mit Frauen zusammen waren. Von innen betrachtet wusste ich, dass da gewaltige Unterschiede waren auch wenn ich sie noch nicht näher benennen konnte. Ich schwieg und beobachtete, stellte Fahrräder in Photoshop frei und wurde häufig nach der Arbeit von Rita abgeholt um den Feierabend im Casino zu verbringen.
Oft blieben wir bis in die Nacht, manchmal solange bis die Spielothek zumachte. Oft gingen wir mit einem Gewinn von einigen Hundert Euro, manchmal verloren wir.
Seit ich Rita einmal suchte und zufällig ihr Auto vor dem Merkur Casino fand sind wir oft zusammen dort gewesen. Als ich sie erwischte fühlte sie sich wahrscheinlich schlecht aber auch erleichtert weil sie nun offener mit der Tatsache umgehen konnte, dass die Spielsucht noch immer ein Teil ihres Lebens ist.
Wir sind dann zum Griechen gefahren um dort zu essen und danach fuhr sie nochmal mit mir in das Casino um mir mehr von dem zu zeigen was sie dort hielt. Das Casino war edel und futuristisch eingerichtet. Uniformiert bekleidetes Personal brachte kostenlose Getränke für die Spieler. Es gab leckeren Kaffee oder Cola während der gesamten Spielzeit. Die Getränke die vermeindlich gratis waren hatte jedoch jeder Spieler der dort spielte mit wenigen Umdrehungen auf dem Flimmerkasten bereits bezahlt. Ich beobachtete die verschiedensten Szenarien und es machte nochmal einen großen Unterschied für mich ob ich sah, dass mit Einsätzen von zwanzig Cent oder einem Euro gespielt wurde. Ritas Spielweise konzentrierte sich ausserdem auf die Ausspielung kleiner Gewinne die auf einer Ausspielungsleiter riskiert und maxmiert oder vollständig verloren werden konnten.
Die meisten Spieler um uns herum konzentrierten sich auf diese Spielweise. Der maximale Gewinn dieser Ausspielung betrug 140 Euro auf der obersten Stufe und war das Ziel jedes Tastendrucks. Wenn es funktionierte gab es ein Feuerwerk auf der Kiste und eine eindringliche Musik wurde abgespielt die den ganzen Raum wissen lies dass gerade erfolgreich „hochgedrückt“ wurde.
Es war der ultimative Kick für jeden Spieler und der pure Adrenalinrausch. Doch wenn es schief ging gab es kein Zurück und der riskierte Einsatz war verloren. Die Laune wurde dann mit jedem Fehlschlag zunehmend schlechter und die Besorgnis mit Verlusten nach Hause zu gehen immer größer. Anfangs schien es jedoch durchaus sehr gut möglich zu sein dort zu spielen ohne zu verlieren. Es kamen immer wieder Gewinne dazu und man teilte das Geld in Gewonnene Scheine und einen Becher voller Münzen mit denen weitergespielt wurde.
Es war weitaus spannender im Casino zu spielen als Zuhause in WoW. Dabei waren wir inzwischen in der serverbesten Gilde „Otherside“. Unser Probespiel habe ich gerettet in einer besonders epischen Situation. Der Schlachtzugsboss war auf 1% Leben heruntergeschlagen als plötzlich der gesamte Raid ausgelöscht wurde. Alle Spieler waren tot, ausser Noxi. Das Gottesschild des Paladins habe ich geistesgegenwärtig im richtigen Moment gezündet und es dann tatsächlich geschafft den Boss allein zu töten. In diesem Schlachtzug war es so, dass jede Gruppe nur eine begrenzte Anzahl an Versuchen für den gesamten Schlachtzug hatte. So hat der glückliche Zufall meines Einsatzes für die Gilde viel gerettet und der Wipe kostete keinen Versuch.
Als das Frostmonster der Prüfung des Champions zu Boden ging feierten im Teamspeak alle diesen ungewöhnlichen Sieg in dem der letzte Hammer des Zorns meines Paladins den Kampf entschied. Und somit war von diesem Tag an unser Platz im Raid der erfolgreichsten Gilde unserer Servers gesichert und vorbei war die Zeit chaotisch organisierter Schlachtzüge die viel Zeit erforderten.
Doch es gab uns nicht mehr viel gegen das Adrenalin das es im Casino gab. Irgendwie war klar wir hatten mindestens ein Problem und irgendwie keine Lösung, nichtmal eine Vorstellung davon wie unser gemeinsames Leben aussehen sollte. Es kam immer mehr raus, dass ich dieser Frau unbeabsichtigt doch eine ganze Menge vorgemacht habe. Sie konnte vielleicht froh sein dass ich ihr Angebot nie annahm mir in der Stadt von ihr Frauenkleidung kaufen zu lassen, während ich immer traurig in die Herrenabteilung rüber sah – aber abgesehen davon dass ich aussah wie eine hübsche junge Frau hatte ich nichts zu bieten, wirklich gar nichts.
So war der Rückfall in die überwunden geglaubte Spielsucht wohl nichts wofür ich verantwortlich war aber gewiss tat die traurige Gesamtsituation ihren Teil dazu beigetragen und eine tiefe Enttäuschung auf Seiten der Industriekauffrau die inzwischen ein Nachhilfeinstitut leitete verursacht. Anfangs wusste sie auch nicht was los war, bemerkte nur auch, dass alles nicht so war wie sie es sich anfangs vorgestellt hatte. Sie musste dann feststellen dass sie auf ihre einstigen Probleme zurückgeworfen war. Doch wir lebten einige Monate auf diese Weise mit einem Doppelleben, tagsüber gingen wir arbeiten und am Wochenende ins Casino. Manchmal gab es Filme aus der Videothek, manchmal haben wir gegrillt, aber das alles gab uns eigentlich nichts.
Ich fühlte immer stärker, je länger ich im Rheiner Report arbeitete dass meine Existenz sich wie eine selbst auferlegte Lüge anfühlte die sich nach und nach in winzigen Schritten zu entschleiern begann. Wenn ich den Gesprächen im Büro zwischen Tanja und der Redakteurin Britta lauschte, bekam ich allerdings nicht das Gefühl dort mitreden zu wollen. Ich hatte nichts zu erzählen über meine seltsame Beziehung oder unser noch seltsameres Privatleben. Zudem zog mich mein Leben immer stärker in eine Richtung die mir seltsam erschien jedoch auch gefühlt sehr schicksalhaft aufzeigte worum es im Großen und Ganzen des Lebens eigentlich ging. Ich erlebte das sehr konkrete Gefühl, dass die ganze Welt um mich herum in einem großen Missverständnis lebt und dass die verschiedenen Religionen in der Menschheit nur ein Beweis dafür sind. Ich sah ein großes Missverständnis um die Geschichte über Jesus und die Tatsache dass bisher niemand wirklich verstanden hat, wovon die Menschengeschichte eigentlich handelt.
Das Leben in dem ich nun war fühlte sich surreal und unwahrhaftig an. Aber ich hatte an dieser Stelle absolut keine Ahnung was ich besser machen könnte oder sollte. Doch dass ich nun bei der Zeitung arbeitete fühlte sich richtig an auch wenn ich mich auch dort eigentlich fehl am Platz in einem Schauspiel fühlte. Doch so entwickelte sich alles in kleinen Schritten weiter und im Februar 2011 lud mich Tanja zu einer Party in ihrer neuen Wohnung ein. Also lies ich mich von Rita mit einer Flasche Jim Beam an der Heinrichstraße 12 absetzen und wagte mich trotz allem Unbehagen in die Löwenhöhle darin. Zum ersten Mal war ich plötzlich unter Menschen die etwa in meinem Alter waren und mir spiegelten wie andere Menschen so waren. Ich fühlte mich einerseits vollkommen einsam inmitten der Fremden und gleichzeitig irgendwie bestmöglich aufgehoben.
Dann gab es einen Moment in dem ich zwischen die anderen Menschen hindurch in Tanjas Augen sah und in dieser Sekunde sah ich sie zum ersten Mal wirklich.Ich schaute ihr gefühlt direkt in die Seele. Sie wirkte vertraut und friedlich, für wenige Augenblicke sah ich sie ganz ohne Masken und war beeindruckt von dieser plötzlichen Offenheit. Es gab mir das Gefühl, dass nicht mehr so wichtig war, wie alles um uns herum ist oder aussieht. Dieser Blick gab auch mir die Perspektive des größeren Blicks auf meine eigene Seele und ich fühlte da war soviel wovor ich mich bisher versteckt hielt, weil ich mich dazu von meinem Leben gezwungen fühlte.
Doch nun war ich auf dieser Party und hatte den Fuß in der Tür zu einem neuen Leben. Tanja hatte sich vor kurzem von dieser Kampflesbenkatja getrennt und ich hatte sofort das Gefühl, sie ist eigentlich gar keine Lesbe… Dies und die Tatsache direkt in ihre Seele geschaut zu haben mit meinen Wolfsaugen gab mir etwas vom Lebensgefühl das mir eigentlich gänzlich fehlte.
Ich lebte ein Scheinleben das in World of Warcraft begann und nun schicksalhaft in der Spielothek endete. Rita und ich hatten gerade noch das Schlafzimmer renoviert und neu eingerichtet doch dies half auch nicht gegen unsere Probleme mit dem Leben und der Beziehung. Ich lebte immernoch in Ängsten und mit ungesunden sexuellen Gefühlen. Das Gefühl dass diese mögliche Sexualität das ist was ich wirklich will konnte ich nicht haben auch wenn inzwischen klar war, dass eine Sexualität mit einem Mann auch nicht das war was ich wollte.
Ich fühlte mich noch genauso verwirrt und durcheinander hinsichtlich meiner Sexualität und Orientierung wie mit dreizehn. Die Scheinbeziehungen die ich als Person hatte, halfen mir dabei nicht weiter. Wenn ich onanierte sah ich heterosexuelle Pornos und hatte heterosexuelle Fantasien aber meine Realität war, dass alles was lebbar war eben ein falsches Spiel war.
Und dennoch fing ich das Seelenfeuer aus Tanjas Augen an diesem Abend auf und nahm den Funkenregen mit nach Hause. Es war etwas wahrhaftig wildes, auch wenn es mir sehr seltsam erschien, vorallem weil sie mir bis dahin gar nicht so symphatisch war, dass ich gerne meine Freizeit mit ihr verbringen wollte. Doch dies änderte sich nun ein wenig. Sie kam einmal bei uns vorbei und ging mit mir und dem Hund spazieren. Sie hatte wohl interesse an dem mysteriösen Wesen dass auch ich in ihren Augen war.
Ich dachte mir noch nicht viel dabei aber es wurde immer häufiger, dass wir uns Nachrichten schrieben. Ich hatte gerade ein neues iPhone, mein erstes richtiges Smartphone und das SMS schreiben ging so schnell wie noch nie. Der zunehmende Nachrichtenaustausch führte als nächstes dazu, dass sie mich einlud mit ihr zu ihrem Freund Bernd zu gehen, einem alten Mann der mit seiner Frau über einem Blumenladen in der Stadt wohnte. Sie besuchte ihn ein bis zweimal in der Woche um mit ihm zu rauchen und zu trinken. Ich ging mit und fühlte mich maximal unwohl dabei.Es machte mich seltsam aggressiv von diesem Mann gefragt zu werden ob ich Jessica bin die gerne Playstation zockt und sowas.
Überhaupt widerte mich die Situation in der dieser alte Mann zwei bekiffte junge Frauen auf seinem Sofa vor Augen hatte ziemlich an. Aber ich war als Seele da um bei Tanja zu sein und mit ihr in einer Situation in der sie gerne war. Auch hatte ich das Gefühl das Kiffen könnte mir helfen mich wahrhaftiger und echter zu fühlen als in meinem inszenierten Dasein als junge Frau die mit einer älteren Frau zusammen lebt und jetzt auch bei der Zeitung arbeitet. Die ganze Geschichte erschien mir selbst eigentlich zu grotesk um wahr zu sein doch es schien eine immer wahrere Wahrheit zu werden in der ich da war. Irgendwann kam es dann nach einem Abend bei Bernd dazu dass wir uns auf der Straße küssten.
Ich sprach nicht viel mit Tanja über meine Beziehung zu Rita aber sie wusste wohl auch von Katja, die Rita kannte dass wir ein Paar waren. Doch ich schämte mich eher dafür als dass ich dazu stehen konnte, weil das Gefühl eigentlich allen etwas vorzumachen doch stark genug in mir war um mich die Lüge die ich lebte nicht wirklich selbst glauben zu lassen. Doch nun verfestigte sich die selsame neue Beziehung zu Tanja in eine Affaire und Rita holte mich eines abends eifersüchtig schreiend und weinend im Auto ab. Sie machte mir Vorwürfe, die ich verstehen aber nicht annehmen konnte. Ich sagte ihr erhlich, dass ich nicht weiß was es ist, aber fühle dass es etwas sehr wichtiges für mich ist.
Sie fühlte sich verraten und betrogen und ich fühlte mich wie damals vor Anita als sie erfuhr, dass Maria meine neue Freundin war. In beiden Fällen kam ich vom Regen in die Traufe und fühlte mich im Recht diese Erfahrungen zu machen im Gefühl dass sie mich irgendwie weiter bringen könnten. Doch was Tanja betraf, war es ganz anders als mit Maria. Bei Tanja wusste ich von Anfang an ganz offensichtlich nie woran ich eigentlich war und möglicherweise beruhte dies auf Gegenseitigkeit. Ich war alles in allem überwiegend verwirrt und durcheinander aber konnte die Erfahrungen die ich da machte auch nicht ablehnen. Sie zog mich magisch an mit immer klareren Gefühlen der schicksalhaften Verbundenheit. Ich begegnete durch Tanja einem größeren und fast verlorenem Teil von mir, der sich wenn auch anfänglich noch sehr schwach und zögerlich, mit der Zeit aber immer kraftvoller entfaltete, ganz egal wie erbärmlich es ausgesehen haben muss.
Zu meinem Glück half mir Rita noch eine Wohnung zu bekommen in die ich umziehen konnte in mein selbständiges Leben, welches nun beginnen sollte. Doch kaum in der Wohnung angekommen, holten mich alte Schatten ein. Ich strich die Wände bunt und das Schlafzimmer grau, bekam in kürzester Zeit eine vollständig neu eingerichtete Dachgeschosswohnung und fühlte mich dennoch so krank und leer, wie nie zuvor in meinem Leben.
Fast zeitgleich mit dem Beginn unserer Beziehung kam eine alles verändernde Neuigkeit auf, die unsere Zeitung betraf. Tanja bat mich eines Morgens in die Küche der Geschäftsräume und sagte mit ernstem Ton „wir wurden verkauft.“ Unser Chef Hubert habe den Rheiner Report an die Münsterländische Volkszeitung verkauft und in den nächsten Tagen wird ein neuer Chef auftauchen der den Laden als Geschäftsführer leiten solle. Zu unserem Erstaunen stellte sich uns wenig später ein junger Typ vor, der nur wenige Jahre älter war als wir aber sich aufführte als wäre er doppelt so alt.
Der Rest unserer Belegschaft blieb vorerst wie gehabt erhalten aber die Regeln unserer Arbeitsbedingungen sollten sich nun drastisch verändern. Bei Hubert war es egal, wann genau man kommt und geht solange alles geschafft wird. Wir durften am Arbeitsplatz rauchen und samstags während der Produktion sogar Bier trinken. Ich war sicher, ich hatte ungewöhnliches Glück einen solchen Job zu finden und mir war klar, dass es so etwas normalerweise gar nicht gibt aber nun sollte auch dort ein anderer Wind wehen. Markus Kösters war ein kleiner Mann der gerne großen Eindruck machte, er führte seine Freundin stolz durch die Räume und spielte sich als kleiner Häuptling auf während wir vermuteten, dass er einen sehr kleinen Penis haben müsse.
Doch die neuen Umstände in der Firma spielten mir positiv in die Karten. So bot mir der neue Chef als eine seiner ersten ehrenvollen Aufgaben einen Ausbildungsplatz an um Mediengestaltung als Beruf lernen zu können während ich dort statt zwanzig Stunden in der Woche nun 35 Stunden im Büro sein sollte. Mir war klar, vor mir lag die schwierigste Herausforderung meines Lebens aber ich war nun da um sie zu meistern. Ich wollte diesen Beruf lernen und die Chance die sich mir nun geboten hat war genau so wundersam für mich bestimmt wie bis dahin alles auf meinem Weg.
Ich sah mich genau dort wo ich einige Jahre zuvor gerne hingewollt hätte aber mir nicht hätte vorstellen können wie es je möglich sein sollte und nun war ich bei aller Seltsamkeit die mit mir da war, plötzlich genau dort. Ich wusste dass ich eines Tage in Münster zur Mediengestalter-Schule gehen würde doch genau dies war die schwierigste Herausforderung für mich denn ich hatte schon unzählige schlechte Erfahrungen mit jeglicher Art von Schulzeit gemacht. Doch ich freute mich über die große Chance und das Geschenk der Möglichkeit einer Wendung die ich kaum für möglich gehalten hätte. Ich hatte nun eine eigene Wohnung in dieser neuen Stadt, einen Ausbildungsvertrag für meinen Traumberuf und ein Verhältnis mit meiner Ausbilderin.
Hinsichtlich der auch sehr beängstigenden Entwicklung sah ich es als meine Pflicht erneut den Versuch zu machen therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen um diese vielleicht sehr schwierig werdende Zeit zu überstehen. Die Sitzungen drehten sich zumeist um Beziehungsprobleme die ich mit Tanja von Anfang an hatte. Sie wunderte darüber, dass es dann doch nicht gut sei wenn sich schon zu Beginn solche Probleme entwickeln, doch warum sich die Probleme entwickelten konnte niemand recht erklären oder verstehen.
Doch es gab einen Zyklus der sich jede Woche auf die selbe Weise widerholte. Zu Beginn der Woche wollte Tanja das wir zusammen sind, ich bei ihr bin, sie kocht, wir auf dem Sofa kuschen aber zum Wochenende hin wollte sie mich wieder loswerden und Zeit ohne mich bei ihren Freunden verbringen oder allein in die Trinkhalle gehen.
Ich hasste es, weil ich fühlte dass ich nicht mit ihr gehen konnte und wollte und weil sie es lieber wollte als wahrhaftig mit mir zu sein. Immer deutlicher wurde dass Tanja bestimmte und kontrollierte wann wir zusammen sind und wann nicht, auf eine Weise die sich sehr unnatürlich und seltsam anfühlte. Es war ein ständiges hin und her, auf und ab, mal zog sie mich ganz nah ran, mal stieß sie mich weit weg. Ich fühlte mich mehr und mehr als der Spielball der nur nach ihrer Pfeife tanzen sollte und beschäftigte mich schonbald mit dem Krankheitsbild der Borderlinepersönlichkeit weil ich mit jeder weiteren Erfahrung mit Tanja verwirrter vor den immer wiederkehrenden Abläufen stand. Zudem kam es immer häufiger vor dass sie plötzlich anfing schlecht über mich zu reden und unschöne Dinge zu sagen die den Eindruck vermittelten sie wollte mich verletzen und abstoßen weil sie die seelische Nähe die meine Seele suchte gar nicht zulassen konnte.
Es war ganz anders als mit allen anderen Pseudopartnerschaften und am meisten belastete mich das Gefühl dass Tanja auch nur in einer Traumwelt lebte, während sie mir vorwarf dass ich dies tue, was auch gar nicht so unwahr gewesen ist. Ich konnte mich auch in dieser Beziehung nicht als das sehen was wir nach aussen hin waren und so war es mir am liebsten wenn wir allein waren ohne dass andere Leute eine Rolle spielten. Im Alleinsein konnte ich mehr vom Gefühl entfalten als Seelenwesen gegenwärtig zu sein und nicht als eine junge Frau.
Wenn ich Zuhause in meiner Wohnung war überkamen mich große Schmerzen. Ich fühlte mich einsam und sinnlos falsch in meinem Leben. Ich wusste nicht wirklich wohin mit mir, ich wusste nur ich müsse diese Ausbildung schaffen und bestenfalls die Beziehung mit Tanja zu etwas besserem machen als es mir bis dahin möglich war. Ich las im Forum über Borderline und den bestmöglichen Umgang mit schwierigen Beziehungen oder spielte am Computer Diablo 3. Ich spielte eine Runde nach der anderen um möglichst wenig zu spüren von den Schmerzen die ich eigentlich hatte. Die ersten Schultage in Münster machten mir auch auf Anhieb unmissverständlich fühlbar, dass der größte Höllentrip meines Lebens bevorstand. Ich fühlte mich genauso fehl wie in der ersten Klasse und zu meiner Demütigung war ich 22 Jahre älter als damals aber es kam mir überhaupt nicht so vor.
Ich ging zur Verhaltenstherapeutin und sagte ihr dass ich das Gefühl habe, dass alle anderen um mich herum etwas haben was ich nicht habe, dass sie sind was sie zu sein scheinen, aber ich habe das Gefühl nicht. Stattdessen schämte ich mich, fühlte mich unwohl und auf seltsame Weise beklemmt ohne verstehen zu können weshalb. Ich schleppte mich mühevoll aus dem Bett um mit dem Zug und einem Bus rechtzeitig in der Schule anzukommen. Oft gelang mir dies nicht. Manchmal schaffte ich es gar nicht in der Schule anzukommen. Anfangs versteckte ich mich einfach hinter der leeren Hülle meiner Person und den falsch empfundenen Personalien unter denen ich dort saß. Meiner Therapeutin sagte ich irgendwann direkt, dass ich das Gefühl habe, dass alles richtiger wäre in meinem Leben wenn ich ein Mann wäre und dass es sich wie ein Missverständnis anfühlt dass es nicht so ist.
Sie vermutete, dass es daran lag dass ich mich gerne stärker fühlen wollte als ich war, ich fühlte mich hinsichtlich der Qualen die ich zu tragen hatte jedoch sehr viel stärker als es den Anschein machte allein deshalb, weil ich das alles überlebte und irgendwie aushielt. Doch eigentlich fühlten sich die Gefühle nicht erträglich an und ich wünschte mir immer öfter nicht mehr leben zu müssen wenn das Leben an sich ein so harter Kampf war. Der Therapeutin sagte ich, ich wolle einfach nur noch meine Ruhe haben und sie sagte mir, dass dies der Hauptgrund für Selbstmörder sei sich das Leben zu nehmen. Der Tod schien mir leichter zu sein, als das Leben aber irgendetwas in mir wusste von dem Gefühl, dass das Leben eigentlich lebenswert machen würde, wäre es öfter da. Doch es war tatsächlich sehr selten, dass es sich gut anfühlte am Leben zu sehen. Die meiste Zeit war eine Qual für mich und das sah man mir auch an. Ich guckte meistens traurig und saß schüchtern bis verstört irgendwo in der Ecke obwohl mir eigentlich zum schreien und weinen gleichzeitig war.
Ich beschäftigte mich nur noch mit Problemen, entweder denen von Tanja oder mit dem was ihre Probleme in mir auslösten. Zumeist wurde mir bewusst wie ausweglos sich meine Situation anfühlte und dass der Umstand mich trotz aller Veränderungen immernoch schlecht zu fühlen mich zunehmend in die Verzweiflung trieb. In Bezug auf Tanja hatte ich das Gefühl in vielen neuen Lügen leben die sich nicht aufklären lassen. Morgens im Zug schrieb ich ihr heimlich Briefe die ich nicht abschickte über all das was ich eigentlich fühlte, während ich nicht wirklich mit ihr über irgendetwas sprechen konnte. Sie verstand meine Probleme und schlechten Gefühle nicht und über Gefühle zu reden war allgemein sehr schwierig für sie.
Ich war schon einige Zeit eifersüchtig auf einen Typen den sie gut fand. Ich spürte es, dass sie ihn gut fand und eines Abends als ich mit dem Fahrrad an ihrem Fenster vorbei fuhr hörte ich sie mit Bernd über diesen Typen reden und von ihm schwärmen. Ich bekam mit dass sie mit ihm bei ihm war und dass er danach bei ihr geschlafen hat. Ich hörte sie sagen dass sie nichts gemacht haben aber es so schön war in seinem Arm zu schlafen. Innerlich platzte ich vor Wut und Neid und Aggression. Ich fuhr still wieder nach Hause und weinte mir die Augen aus dem Kopf.
Ich sprach vor Tanja nicht an was ich gehört habe und versuchte die Worte die immer wieder wie ein Echo in meinem Kopf nachklangen zu vergessen, einfach zu verdrängen und so zu tun als hätte ich nie gehört was ich gehört habe. Ich konnte nicht darüber reden aber ich spürte, dass das was mich so sehr traf das Gefühl war dass dieser Typ für eine Nacht hatte was ich in keiner Nacht mit ihr haben konnte, das Gefühl sie als Mann im Arm zu halten. Wenn ich sie im Arm hielt fühlte ich jedoch genau das, wenn auch im Wissen, dass sich in der Materie ein ganz anderes Bild offenbart. Aber genau das fühlte sich so unerträglich für mich an. Mir wurde klar, dass es um geht als nur darum, dass meine angebliche Freundin mit einem anderen Menschen im Bett schlief. Was mir wirklich weh tat war meine eigene unerträgliche Perspektive auf die Umstände.
Die Nächsten Wochen waren zunehmend ein Albtraum von dem ich nicht fassen konnte, dass er real ist. Wir waren doch eigentlich gerade erst ein paar Monate zusammen und es zeigten sich schon so heftige Konflikte die mir die Ausbildungszeit noch viel schwerer erträglich machten. Zudem fühlte ich mich sehr gefangen im Umstand nun an dieses Ausbildungsverhältnis gebunden zu sein wie ein ausgesetzter Hund an seine Kette. Der Blockunterricht fand glücklicherweise nur alle paar Wochen statt und so waren es immer nur Phasen die ich in der Berufsschule zu überleben hatte. Dagegen kam mir die Zeit mit Tanja im Büro wie Urlaub vor.
Mittags machten wir zusammen Pause und gingen mit dem Hund an die Ems, nach der Arbeit waren wir fast immer bei ihr. Bei mir waren wir nur sehr selten. Manchmal kam sie nach dem Feiern betrunken bei mir an und verbrachte dann den Sonntag bei mir.
Doch an einem Herbstwochenende wendete sich das Blatt erheblich. In der Stadt war Kirmes und wir gingen an einem Samstag Abend anfang Oktober nach der Arbeit in die Stadt. Dort sammelten sich noch andere Menschen und ich bekam mehr und mehr das Gefühl, dass Tanja mich nicht dabei haben wollte. Sie ging auf Distanz und sagte gegenüber einer anderen Person, dass sie keine Klette bräuchte und meinte damit mich. Daraufhin verlies ich das Geschehen und ging nach Hause, wieder einmal mit Tränen darüber, dass sich diese Beziehung kein bisschen echt anfühlte und ich dennoch all die Schmerzen einer unglücklichen Liebe erlebte, die mehr Leid als Freude verursachte. Ich hatte irgendwie gehofft, wir hätten einen guten Abend und würden dann zusammen zu mir gehen. Nun lag ich dort allein und spürte ganz deutlich, dass Tanja nun ganz woanders war.
Morgens um sieben wachte ich mit einem Schrecken auf und spürte genau, dass Tanja gerade irgendwoanders ist und etwas sexuelles mit jemand anderem macht. Ich hatte immer Angst davor, habe es immer vermutet und befürchtet und unterstellt wenn sie alleine in die Kneipe ging aber nun fühlte es sich an als würde es wirklich passieren. Es war wie ein Albtraum in dem ich aufschreckte ohne je wieder einschlafen zu können. Diese Erfahrung hat schon viel in mir gebrochen obwohl ich noch gar nichts genaues wusste. Doch dann kam es zur seltsamen Situation in der ihr Handy vor mir auf dem Tisch lag und ich auf das geöffnete Facebookfenster sah. Es war nur ein Klick und vor meinen Augen lag ein Chatverlauf der ganz genau schilderte was sich in dieser besagten Kirmesnacht wirklich ereignet hat. Genau so wie ich es befürchtet habe hatte sie in dieser Nacht Sex mit dem Typen der schon bei ihr im Bett geschlafen hat und zudem dabei war ihre Freundin Vera. Sie hatten einen Dreier nach der Kirmesnacht in Veras Wohnung am frühen Morgen zu genau der Zeit, als ich am Morgen so aufgeschreckt bin mit genau diesem Gefühl.
Die Information dass noch eine weitere Frau an der Aktion beteiligt war machte gar nichts mit mir, doch dass es dieser Typ war machte mich fertig. Ich spürte, dass es vorallem deshalb so weh tat weil dieser Kerl den Körper hatte den ich eigentlich haben sollte aber ich konnte mit diesen vernichtenden Gefühlen nicht umgehen, sie überforderten mich und mein Leben war nur noch ein einziger Schmerz. Ich trennte mich und wollte nicht mehr bei Tanja sein, es war zu schmerzhaft und ich bemühte mich die Situation zu verdrängen. Es vergingen einige Wochen auf Distanz soweit dies möglich war. Im Büro verhielten wir uns einigermaßen professionell und lernten die privaten Probleme in der Firma aussenvor zu lassen.
Irgendwann um Weihnachten näherten wir uns dann jedoch wieder an und verbrachten das Silvester 2012 neben den Fickfreunden im Dach bei Bernd. Diese waren inzwischen ein Paar und so sagten sie habe sich alles ja schließlich richtig gefunden, doch das konnte ich nicht fühlen.
Eines Tages erlebte ich einen bezeichnenden Filmriss als ich nicht in der Schule ankam sondern in Tanjas Wohnung auf dem Sofa lag und einen Joint nach dem anderen rauchte. Ich versuchte mir vorzustellen wie es wäre jetzt auf alles zu scheissen und einfach nirgendwo mehr hinzugehen doch es machte mich fertig, zu wissen, dass ich diese Ausbildung diesmal wirklich durchziehen wollte und ein Aufgeben nicht möglich in Frage käme. Es war die dritte betriebliche Ausbildung die ich begonnenen habe und ich war inzwischen achtundzwanzig Jahre alt. Ich telefonierte an diesem Tag sogar mit meiner Mutter die mir ähnlich wie Tanja nur Druck machte diese Ausbildung vernünftig durchzuziehen um endlich mal etwas in meinem Leben zu schaffen. Eigentlich hatte ich das Gefühl das nichts mehr ging und dass ich so wie bisher nicht weitermachen könnte. Ich hatte viel Glück im Unglück mit der Wohnung und der Ausbildungsstelle und sogar dem sehr erfreulichem Umstand, dass mein kleiner Hund mit ins Büro kommen konnte aber die Sache mit der Berufsschule warf mich vollkommen aus der Bahn. Ich verlor den eingebildeten Boden unter den Füßen sobar ich das Schulgebäude betrat und bewegte mich leise und blass wie ein Geist durch die Räumlichkeiten in denen ich mich in Luft aufzulösen schien während ich ging.
Bei allem was ich im Alltag schon zu ertragen hatte, gaben mir die Schulbesuche das Gefühl absoluter Sinnlosigkeit hinsichtlich meiner mir immer fadenscheinig werdender Existenz. An diesem Tag als ich den ganzen Tag bekifft herumlag und versuchte das Chaos zu fassen was mein Leben war, beschloss ich meiner Therapeutin zu sagen dass ich einen klinischen Aufenthalt brauche, eine kurze Auszeit um etwas Abstand von meiner Überlebenskampfsituation zu bekommen und weiter herauszufinden was eigentlich mit mir los ist. Ich glaubte mitlerweile selbst die Krankheit zu haben die ich anfangs an Tanja diagnostizierte und ich wollte mich der Realität stellen es herauszufinden. Ich wollte eine Diagnose bekommen für das was mit mir los ist, warum mein Leben sich anfühlt wie eine Folterkammer in der ich alles nur zu ertragen habe auf eine Weise die sich falsch und unwahr anfühlt und nicht wie mein Leben.
Die Therapeutin überwies mich als nächstes an einen Psychiater zwei Straßen weiter. Diesem schilderte ich meine Probleme im klaren Gefühl, dass ihm das was ich sagen konnte keinen Bruchteil von dem erklären könnte was wirklich in mir vorgeht. Doch er schrieb auf die Überweisung „emotional instabil“ und meldete mich in der LWL Klinik in Lengerich an. Meinem Chef sagte ich offen dass ich in eine psychotherapeutische Einrichtung gehen werde für einige Wochen. Er bekam bereits mit, dass ich Probleme in der Schule und auch mit Tanja hatte.
Diese fuhr mich am fünften Juli 2012 mit dem kleinen Hund nach Lengerich wo ich nun für einige Zeit wohnen sollte. Ich bekam ein Zimmer in der schon eine ältere Frau wohnte. Diese zog jedoch nach zwei Tagen schon in ein anderes Zimmer um und auf mein Zimmer kam eine Magersüchtige die zu mir sagte, sie sei dicker als ich. Da staunte ich und bekam das Gefühl zu unrecht in dieser Einrichtung gelandet zu sein. Ich fühlte mich in einer selstamen Mischung aus fehl am Platz wie auch gleichermaßen froh darüber nun wenigstens irgendwo zu sein, wo ich regelmäßig Essen bekomme und mich etwas ausruhen kann von meinem sonst so anstrengendem Leben. Bei Tanja hieß es immer nur wenn es um meine Probleme ging, dass sie es auch nicht leicht habe und ich mich nicht so anstellen soll. In etwa so in der Richtung meiner Mutter die mir damals eindringlich das Gefühl vermittelte selbst Schuld an meinem Elend zu sein.
Regelmäßig fanden in der Klinik Einzelgespräche mit einer zugewiesenen psychiatrischen Ärztin statt. Dieser erzählte ich meine Lebensumstände wie sie waren aber dieser erzählte ich auch, dass ich glaube ich müsste ein Mann sein um das Gefühl zu haben dass es mein Leben ist was ich lebe. Ausserdem sagte ich über meine Sexualität dass diese eigentlich eine männliche Sexualität in einem weiblichen Körper ist und daraus viel Verwirrung entsteht. Ich bekam nicht wirklich das Gefühl verstanden werden zu können. Erst als mir Anna begegnet ist tat sich ein Lichtblick auf was mein seelisches Sein an diesem Ort betraf. Anna war zehn Jahre jünger als ich und hatte blonde Dreadlocks. Ich erzählte ihr von meinen ersten Dreads die ich mir zehn Jahre zuvor machen lies und sie bot mir ein, mir in der Klinik neue zu machen.
Ich konnte meine Haare nie leiden wenn es einfach nur Haare waren und hasste es zum Friseur gehen zu müssen. Also fing Anna eines Tages damit an meine Haare in Strähnen zu verfilzen und zeitgleich zog Anna als neue Mitbewohnerin auf mein Zimmer. Einmal gingen wir zusammen in den Wald um einen Joint zu rauchen und erlebten dort ein besonderes Seelengespräch während dem wir beide auf magische Weise zuhörten als unsere Seelen miteinander sprachen. Sie sagten im wesentlichen, dass alles in unseren Leben so sein musste wie es war und auch das alles im Leben Teil einer größeren Geschichte ist die sich in allen Teilen zusammen entwickelt.
Dieses Gespräch gab uns sehr viel und die hochgeschwungene Energie hielt noch eine ganze Weile an auch wenn sich schnell wieder Zweifel abzeichneten in den Köpfen der Menschenkinder so hatten sie sich doch gemeinsam an einen größeren Zugang zum Leben an sich erinnert und waren gesegnet in dieser Erfahrung voller Weisheit über die temporären Umstände in ihrem Leben.
Schnell wurde klar, dass diese Seelengespräche mehr brachten als die therapeutischen Gespräche oder Pillen bewirken könnten. Einen weiteren großen Aspekt der Heilung bewirkte die Musik die wir hörten. Als ich mein Auto in der Klinik dabei hatte machten wir öfter Ausflüge in die Stadt. Anna war die beste Gesellschaft zu dieser Zeit an diesem Ort weil sie so viel Leichtigkeit und Liebe ausstrahlte, wie ich es gar nicht von Menschen gewohnt war. Sie war auch oft anstrengend und benahm sich wie ein unreifer Teenager aber im Wesentlichen war sie von guten Energien begleitet und auch in ihrer Trägheit die angenehmste Gesellschaft für mich auf dem Klinikgelände. Mit den anderen Menschen konnte ich eher gar nichts anfangen und Anna und ich kappselten uns eher gemeinsam vom Rest der Gruppe ab. Manchmal saßen wir mit den anderen im Garten beim Rauchen zusammen aber meist gingen wir unserer Wege als wären wir zusammen dort im Ferienlager. Auf einem Ausflug landeten wir im Casino wo ich Fünf Euro in den Automaten steckte und die Kiste auf den Hauptgewinn von 140 Euro hochdrückte.
An Wochenenden war es einmal im Monat möglich nach Hause zu fahren und Urlaub von der Klinik zu machen. Jedoch sollte nur eine Übernachtung stattfinden. Ich meldete zu Tanjas Geburtstag den Urlaub an und nahm eine weitere Übernachtung auf eigene Faust dazu. Anna preparierte also schon eine Nacht vor dem Wochenende meinen Schlafplatz am Abend so als würde ich im Bett liegen und Schlafen und tatsächlich blieb meine Abwesenheit unbemerkt. Es fiel lediglich auf, dass ich mich zur Abfahrt nicht ausgetragen habe.
Als ich vom Wochenendausflug zurück kam hatte ich ein offensichtliches blaues Auge. Die Situation mit Tanja ist in der zweiten Nacht betrunken auf der Straße so eskaliert dass sie mir die Hundeleine ins Gesicht warf woraus dieses offensichtliche Veilchen entstand. In der Klinik angekommen, schämte ich mich aufgrund dieser demütigenden Begebenheit nun auszusehen als hätte meine Freundin mich geschlagen. Als Anna entlassen wurde, war ich traurig und lief nur noch allein über das Gelände oder ein Stück weit davon weg.
Zu meiner Entlassung konnte mir die Therapeutin noch immer nicht klar sagen was nun mit mir los war und ich hatte das Gefühl dass der ganzen Klinikaufenthalt eigentlich nichts gebracht hatte, ausser dass ich mich nun noch ängstlicher in Bezug auf die Zukunft fühlte. Tanja wagte es mir nach der Aktion mit dem Veilchen von einem Resthof zu erzählen den sie gerne mit mir zusammen beziehen würde. Ich gab ihr zu verstehen dass ich es für keine gute Idee hielt mit ihr zusammen zu ziehen und in meinem Leben während der Ausbildung nun alles bleiben soll wie es gerade ist.