Nachdem der neue Freund meiner Mutter mit Ende 30 plötzlich an Krebs gestorben ist erbte ich sein Meerschweinchen Babsy und meine Eltern kamen wieder zusammen.
Vielleicht war es die Botschaft, die meine Mutter empfing als sie in der Nacht seines Todes plötzlich aufwachte mit einem sehr schlechten und intensivem Gefühl, woraufhin sie dann erfahren hat, dass er zu dieser Zeit gestorben ist. Es sah wohl so aus, als sollte es nicht sein. Wir haben den Mann ein einziges Mal in seiner 2Raumwohnung besucht und spielten Mensch ärger dich nicht zusammen. Wir bemerkten dass es wohl auch kein einfacher Mensch war und das er der Vater anderer Kinder war und der Mann einer anderen Frau.
Dieser Mann wurde aus dem Leben gerissen und meine Mutter danach zu meinen Vater zurück geführt. Sicher fühlte sie auch, dass ein Ersatzvater auch keine Lösung ist und sie wollte der Familie noch eine Chance geben. Mein Vater versprach uns unter Tränen dass nun alles besser werden würde und so zogen wir wieder als ganze Familie in die neue Wohnung ein.
In dieser Wohnung fand sich manches aus der alten Wohnung in Oranienburg und manches Neues. Und zum zweiten Mal kauften meine Eltern einen Ford. Diesmal einen Mondeo in weinrot. Wir hatten äußerlich wieder alles was eine Familie braucht. Aber im Inneren fehlte immer noch viel und das Leben fühlte sich immer noch wie ein Überlebenskampf für alle an. Meine Mutter fing einen neuen Job an, direkt im Wohngebiet bei einem Verein für Kinder- und Jugendreisen und mein Vater suchte nach einer neuen Baustelle in der Stadt.
Es war 1996 und ich war mit 13 zum trotz allem zum ersten Mal sowas wie „verliebt“. Vorwiegend war es das berührende beeindruckt Sein von weiblicher Energie in einem weiblichen Körper. Diese Frau verkörperte etwas sehr weiches und liebevolles auf eine mir bis dahin nie erschienene Weise und ich begann irgendwie zu träumen… Trotz aller Unvorstellbarkeit was eine gelebte Liebesbeziehung betrifft bewunderte ich dieses weibliche Wesen welches ich nur im Fernsehen sah.
Aber ihre Stimme beruhigte mich und ihre Augen spiegelten diese unendliche Tiefe eines Wunderwesen mit dem ich gerne auch ein Wunder gewesen wäre. Mir war bewusst, dass diese Schwärmerei ein besonderer Zauber war, der nicht in Raum und Rahmen passte aber dort wo er war kleine Wunder auf mich wirkte. Während ich mitbekam, dass sich die Mädchen in meiner Klasse zur selben Zeit in die verschiedensten Backstreet Boys verliebten, schlug mein Herz für Denise. Ich sah sie jeden Sonntagmorgen im Fernsehen wo sie eine Kindersendung moderierte, für die ich eigentlich schon zu groß war. Es war mir das Wichtigste so früh wie möglich wach zu sein um ihre Stimme zu hören und ihre wundervollen tiefbraunen Augen so magisch aus der Flimmerkiste funkeln zu sehen.
Diese Frau machte mir auf diese Weise erfahrbar wie die Liebe wirkt. Ich hätte es anders nicht erleben können. Ähnlich wie die Boygroupfans bastelte ich mir aus Pappe und einem Poster etwas womit ich jeden Tag schlafen ging. Es sah aus wie ein Bandposter auf Pappe geklebt aber ich sah darauf nur Denise. Und immer wenn ich traurig war oder mich einsam fühlte war es diese zauberhafte Energie die sie in mir weckte, die mich beruhigte und stärkte auf wirklich magische Weise. Ich fühlte die Liebe an sich und ich fühlte mich sicher, geschützt und geliebt, einfach nur weil ich meinen Geist und mein Herz zu lies.
Aber so rosig mir dieses Verliebtsein auch meist erschien, wurde mir immer klarer, dass dies hoffnungslose Gefühle sind die niemals mit einem Menschen erlebt werden könnten. Es war auch nicht sexuell oder so, dass ich dachte ich würde später gerne mit dieser Frau zusammen sein. Es war so, dass mir bewusst war, dass diese Liebe etwas eigentlich Unlebbares war.
Und ich begann zunehmend mich darüber zu wundern, dass ich als Mädchen!? In ein Mädchen verliebt war bzw. begann ich zu realisieren, dass es eben nicht so war. Wenn ich mich auf dem Schulhof umsah zwischen all den anderen Kindern und Jugendlichen die mir so anders erschienen als ich, fiel mir immer auf, dass ich nichts mit ihnen gemeinsam zu haben schien.
Aber ich bemerkte umso früher und deutlicher wie ich fand, was die Liebe eigentlich ist und wieviel Kraft und Macht sie im Stande ist freizusetzen. Im Spätsommer 1996 fand dann gefühlt und praktisch meine zweite Einschulung statt. Ich fühlte mich nicht viel besser als 1990 aber irgendwie dachte ich dass ich nun endlich irgendwo bin, wo ich von Anfang an dabei bin und meinen Platz finde.
Also fand ich mich dort wieder wie zwischen den Stühlen sitzend in einer Mischung aus Angst und Unbehagen. Am liebsten wäre ich unsichtbar und gar nicht da gewesen. Neugierig war ich trotzdem und versuchte so viel wie möglich von den anderen zu beobachten, sie mir anzusehen.
Ich tat mein bestes die Situation anzunehmen und mich darauf einzulassen. Neben mir saß Virginie und wir gingen nach der Schule ein kleines Stück des kurzen gemeinsamen Heimwegs nach Hause. Ich wohnte direkt in der Straße der Schule in Hausnummer 12 vom Schilfhof. Wir waren gerade neu eingezogen in diese 4Raumwohnung am Rand der Plattenbausiedlung. Ich bekam das große Zimmer mit grünen Möbeln und mein Bruder das kleine Zimmer mit bunten Möbeln.
Am Wochenende sind wir wie früher wieder in unseren Garten gefahren, nur das der Weg nun etwas weiter war aber in etwa einer halben Stunde waren wir schon da. Alles schien schicksalhaft wieder in Ordnung gekommen zu sein und es war ein bisschen als wären die letzten Jahre nicht passiert. Das beste aber war, dass nun Bella bei uns war und unsere Familie um einen Hund reicher war. Es war überwiegend meine Aufgabe mit Bella spazieren zu gehen aber am liebsten spielte ich mit ihr in der Wohnung. Außerdem waren ihre Beine zu kurz um viel und schnell zu laufen.
Aber dieser Pekinese war für mich das Familienmitglied was mir am nächsten stand. Einmal sagte ich aus Spaß als ich zur Toilette ging „komm Bella wir gehen Pipi machen“ und dann kam sie mit und machte neben mir im Bad mit mir zusammen Pipi. Sie zeigte zum erstaunen aller, dass sie ganz genau verstanden hat, was ich gesagt habe und niemand konnte mit ihr schimpfen, weil ich es ihr erlaubt habe. Sie hat das sonst nie gemacht. Sie hatte für Notfälle im Haus ein Katzenklo.
Und obwohl meine Mutter den Hund anfangs nicht mochte weil sie ihn als „Druckmittel“ bezeichnete mit dem mein Vater uns nur erpressen will fand auch sie ihren Zugang zu diesem Tier. Weil Bella ein Katzenhund war, durfte sie sogar auf dem Sofa sein und schlief oft bei meinem Vater auf dem Bauch wenn er dort lag.
Während Zuhause gerade alles normal zu sein schien, außer dass meine Mutter auf einer Geschäftsreise war, bekam ich plötzlich Angst vor einer tödlichen Krankheit weil irgendwelche Knoten unter meiner Brust zu wachsen schienen. Ich schmierte mir eine Salbe gegen Akne auf die Haut weil darauf stand „gegen Knötchen“ aber befand mich in einer geängstigten Stimmung hinsichtlich der sich entwickelnden Körperlichkeit. Der Gedanke an Brustkrebs zu sterben war wohl leichter als der Gedanke an einen sich zur Frau entwickelnden Körper.
Während die Mädchen in der Schule immer körperbetonter gekleidet waren trug ich immer weitere T-Shirts, Pullover und Hosen. Ein lockeres dunkelgrünes Cordhemd war zusammen mit einer braunen Latzhose meine Lieblingskleidung in dieser Zeit. In der Schule war es wie immer seltsam. Ich wollte nicht dort sein aber ich musste, so wie alle dort sein mussten. Es schien eine gesellschaftliche Verpflichtung zu sein in die man hineingeboren wurde aber wenn wir am Wochenende im Garten waren stellte ich mir oft vor, einfach dort zu bleiben, irgendwo in den Büschen in einer Bude.
Aber zuletzt wurde unser Nest in einem Wäldchen zwischen den Feldern und hinter den Gärten von den Russen eingenommen, die das Land nach der Wende nicht verlassen haben. Sie parkten in diesem Wäldchen ihr Auto zwischen den Sträuchern mit einem Nummernschild aus Papier. Dann sahen wir sie am Zahn der Siedlung mit einem Kanister die Gärtner um Wasser bitten.
Neben unserer bürgerlichen Existenz lebten fremde Männer im Wald und bewohnten die von uns Jugendlichen gebastelte Bude. So zog ich noch einige Wochenenden mit den ehemaligen Klassenkameraden durchs Gebüsch bis wir eine Bauwagensiedlung fanden, die wir kurzzeitig übernahmen bis uns das Gebiet von anderen abgesprochen wurde, da sie häufiger dort waren als wir und somit mehr Anspruch auf diesen Spielplatz zu haben glaubten.
So schien es doch nicht leicht zu sein das alte Leben in dieser Gegend aufrecht zu erhalten aber ein neues Leben schien auch nicht in Sicht zu sein. In Potsdam wirkte alles so langweilig und eingesperrt zwischen den Häuserwänden. Dabei bemühte ich mich in der sechsten Klasse so sehr darum gut in der Schule zu sein und neue Freunde zu finden. Virginie war ein großer Fan der Kelly Family und so war sie mir zumindest sympathischer als die Mädchen die auf Boygroups standen aber neben der gemeinsamen Begeisterung für die Kellys verband uns eigentlich nichts und ich fühlte mich in ihrer Gegenwart zunehmend unwohl, vor allem als sie anfing mir davon zu erzählen, dass sie sich nach der Schule mit Robert trifft. Ansonsten ging sie in ihrer Freizeit Rollschuh laufen in einem Verein und dabei wollte ich noch nicht einmal zusehen.
Dann war da noch Ilka, sie war etwas lustiger und unterhaltsamer als Virginie und ihr konnte ich etwas mehr über meine Schwärmerei für Denise erzählen. In der Schule bemerkte ich auf dem Schulhof ein Mädchen aus der Achten Klasse, welches Denise sehr ähnlich sah. So begann ich erstmals mir vorzustellen, wie es wäre, wenn sie es wäre, wenn wir auf die gleiche Schule gehen und sie nur in einer etwas höheren Klasse ist.
Schnell wurde mir klar, wie absurd es war. Ich bemerkte, dass dieses Mädchen sehr hübsch war und dass das Gefühl jemanden zu bewundern der sich in Sichtweite befindet sehr spannend und aufregend erschien, doch ich bekam Todesangst und fühlte mich als würde ich mich in Luft auflösen wenn ich irgendwo in der Nähe dieses Mädchens stand. Ich hätte niemals wagen wollen sie irgendwie anzusprechen denn ich wusste, dass ich in meiner Fantasie und Energie nicht als Mädchen in das Mädchen verliebt wäre. Mir dämmerte, das es deshalb nie möglich sein würde einem Mädchen gegenüber diese Gefühle zu haben und sie so leben zu können, wie es sich anfühlt.
Dennoch war da das Gefühl, diesem Wunderwesen nah kommen zu wollen, auf irgendeine Weise und ich traute meinen Augen kaum als ich eines Tages im Wohnzimmer saß und eine Zeitungsseite fand in der ein Bericht darüber war, dass Denise bei der Kindersendung aufhört, die ich mir immer noch jeden Sonntagmorgen nur ihretwegen ansah.
Für mich ging mit dieser Nachricht eine Welt unter. Es war wie meine größte Freude der Woche an einem Tag immer Neues von Denise zu sehen. Ich hatte schon herausgefunden, aus welchem Berliner Stadtteil sie kam und mich auf einen Familienausflug in der Eislaufhalle dort gefreut, um für einige Momente das Gefühl zu erleben dass sie mir dort eventuell zufällig begegnen könnte und allein die Vorstellung etwas wundervolles hatte, auch wenn die Situation in der Realität eher sehr gruselig gewesen wäre.
Wir verbrachten die freien Tage im Sommer 96 immer im Garten, so wie auch unsere Gartennachbarn. Dort war dieses rothaarige Lockenmädchen mit unzähligen Sommersprossen und Brille. Eigentlich hieß sie Tine aber wir nannten sie immer „Rote Schlüpper“ weil man immer ihre Schlüpfer sah die meistens auch rot war.
Ich schwärmte ihr gegenüber von Denise und sie sagte, sie fände sie auch gut. Als ich ihr erzählte, dass ich herausgefunden habe, dass ihre Eltern Frauenärzte in Berlin sind kam ich auf die Idee Tine dort hinzuschicken. Ich bot ihr 30 D-Mark dafür, dass sie in dieser Praxis einen Termin macht und mir von dort berichtet. Bei der Gelegenheit hätte sie ein paar Fragen über Denise stellen können. Tine war gar nicht abgeneigt von meinem Plan und versprach mir, sie würde in der Frauenarztpraxis einen Termin machen. Als der Termin dann stattfinden sollte, wollte sie mich danach anrufen um mir zu berichten – doch sie rief nicht an …
Es war schrecklich für mich nun nichts mehr von Denise zu hören oder zu sehen. War sie doch mein einziger Lichtschimmer in dieser sonst so langweilig seltsamen Welt..
In mein Tagebuch welches ich nach ihr benannte schrieb ich dass ich sie liebe und von ihr träume.. Ich träumte davon mit ihr zusammen zu sein und diese Freude zu empfinden die mir eigentlich so fremd war, die Freude des energetischen Seins an sich – die Freude die aufsteigt wenn man eben glücklich ist. Diese Art von Liebe zeigte mir Gefühle die ich bis dahin nicht kannte, machte aber auch umso deutlicher, wie verzwickt meine Pubertät in der Gesamtsituation sich gestaltete.
Ich versuchte mir jedoch mir zu erklären, dass diese Liebe nicht bedeutet, dass ich als Mädchen mit ihr als Mädchen zusammen sein will. Irgendwie beruhigte mich der Gedanke, dass es ja doch keine echten Gefühle wären wenn sie in der Realität gar keinen Raum haben.
An meinem C64 bastelte ich mit Alina an einer eigenen Zeitschrift die wir für 1 DM verkaufen wollten. Das Gestalten am Computer machte mir selbst an einem alten Commodore Computer und einem Nadeldrucker schon Spaß. Aber das Projekt verlief wie so vieles im Sande.
Im Herbst geschah dann das Unglaubliche. Zuhause im Wohnzimmer las ich die Fernsehzeitung in der plötzlich ein Bericht auftauchte, der darüber schrieb dass Denise in einer neuen Fernsehserie mitspielen wird und ich realisierte, dass alles perfekt gelaufen ist und ich sie jetzt nur noch öfter und noch angemessenen Rahmen anschauen kann, denn für die Kindersendung fühlte ich mich dann doch schon zu „groß“. Doch damit war es nicht genug der wundersamen Überraschung – in dem Artikel stand auch dass die Serie in den Filmstudios Potsdam Babelsberg gedreht wird. Ich wusste das dort Gute Zeiten, Schlechte Zeiten gedreht wurde aber dies interessierte mich nicht.
Die Information dass Denise nun jeden Tag in meiner Stadt herumläuft stellte meine Welt schon erheblich auf den Kopf. Ich wusste ich müsste dort hin um sie einmal in echt zu sehen aber hatte zu gleich unvorstellbar große Angst vor einem solchen Moment.
Doch wenige Wochen später, es war Ende November doch ich besuchte Ilka im Garten ihrer Eltern. Es war ein schulfreier Tag und wir sahen uns zusammen meine neue Lieblingsserie an in der Denise nun mitspielte. Ich erzählte Ilka davon dass die Serie ja nun in unserer Stadt gedreht wird und ich dort unbedingt hin muss um Denise mal live zu sehen. Ilka wusste natürlich genau wo die Filmstudios lagen und es waren nur etwa drei Kilometer vom Garten ihrer Eltern.
Also fuhren wir mit unseren Fahrrädern ganz spontan los. Dort angekommen schlichen wir uns geheimnisvoll auf das Gelände und liefen dort umher bis wir das Gebäude fanden, in dem gedreht wird. Ich konnte kaum fassen wie mir geschah, gerade war es noch ein unerreichbarer Traum und plötzlich stand ich dort vor einem Gebäude in dem Denise nun ein und ausging.
Und tatsächlich, nur wenige Momente später, es war gerade Mittagspause und wir hatten schon 2,3 GZSZ Darsteller gesehen, erstarrte mein Blick plötzlich. Ich fokussierte eine wunderschöne Frau in grünschimmernder Jacke mit weißem Kunstfell – ich spürte als ich ihren Gang beobachtete, dass sie es war. Mein Herz schlug bis zum Hals. Denise kam neben einem Mädchen die Straße zum Studiogebäude herabgelaufen. Ich stand fassungslos neben mir und konnte nichts tun als sie einfach nur anzustarren bis sie dann ohne das Mädchen im Gebäude verschwand. Dann fragte uns das Mädchen warum wir Denise nicht angesprochen haben aber mir fiel es noch schwer überhaupt zu realisieren, wie es dazu kam, dass ich wirklich so plötzlich und unerwartet vor ihr stand.
Was ich dann tat muss das deutlichste Zeichen meiner puren Überwältigung gewesen sein. Ich ging zum Telefon welches auf dem Studiogelände an der Kantine hing und rief meine Mutter an um ihr zu erzählen dass ich Denise gesehen habe!
Für diesen Tag war das genug für mich aber wir kamen gleich am Montag wieder nach diesem Wunderfreitag. Dann sagte uns eine Schauspielkollegin uns das Denise am Mittwoch wieder da ist. Also kamen wir Mittwoch wieder.
Zu meiner Verwunderung tauchte am Mittwoch zuerst ein junger Mann auf, den ich dann als den Schauspieler erkannte, der in der Serie genau so von Denise schwärmte wie ich.
Wir warteten noch einige Stunden mit ein paar anderen Fans vor dem Studio bis Denise tatsächlich raus kam um Autogramme zu geben und Fotos zu machen. Zu meinem Entsetzen sah ich wie sehr Denise in ihrer freundlich lieben Art die fremden Mädchen für ein Foto eng umarmte.
Ich beneidete jede Einzelne, doch ich hätte gefühlt einen solchen Moment nicht überlebt. Erst so fern und dann plötzlich so nah. Die unerreichbare Schwärmerei war plötzlich in meine Realität manifestiert und im wahrsten Sinne des Wortes zum Greifen nah, doch ich stand nur regungslos da und staunte.
Es dauerte einige Zeit bis es mir gelang das erste Foto mit ihr zu machen und als es zustande kam blieb ich doch sichtlich distanziert und verhielt mich weiterhin schüchtern und zurückhalten.
Die Situation war auf unangenehme Weise beängstigend, denn ich spürte genau, dass diese Realität wie sie da vor unseren Augen stattfand, nicht jene ist, die ich in mir fühlte wenn ich mich meiner Tagträume-Energie hingab in der ich ein körperloses Wesen war und kein dreizehnjähriges Mädchen.
Je mehr ich von Denise sah, desto mehr realisierte ich, dass die Schwärmerei ein Ende haben muss. Ich wollte dass es endet, weil es keinen Sinn machte und nur traurige Gefühle erzeugte.
Meine Klasse fühlte sich nicht richtig an und ich fühlte mich dort nicht wohl aber in Naturwissenschaften bei Frau Kuske war ein ungewöhnliches Mädchen aus der Parallelklasse, welches auf amüsante Weise die Stimmung im Unterrichtsraum auflockerte.
Sie war laut und vollkommen unerschrocken, sie war für ihr Alter auf sehr beachtliche Weise außergewöhnlich selbstbewusst. Sie war in ihrem Verhalten das komplette Gegenteil von mir aber ihre kraftvolle und ausdrucksstarke Art beeindruckte mich, so dass ich lieber mit ihr Zeit verbringen wollte, als mit jemandem aus meiner Klasse aber wir hatten nur alle paar Tage ein paar Stunden Naturwissenschaft zusammen.
Sie bemerkte dass ich es gut fand, wie sie mit der Lehrerin umging wenn sie freche Antworten und Widerworte gab und nachdem wir nach kurzer Zeit nebeneinander saßen und unter unserem Tisch versuchten einen Bratapfel zuzubereiten, gingen wir auch bald zusammen nach Hause, zu ihr oder zu mir, meist erst kurz zu mir, dann weiter zu ihr und dann wenn wir „frei“ waren von eventuellen Pflichten – woanders hin.
Ich hatte in Oranienburg schon öfter mal Zigaretten geraucht und ab und zu noch welche von meinem Vater genommen wenn ich mit dem Hund draußen war aber mit Sabrina fing ich an regelmäßig vor und nach und während der Schulzeit zu rauchen. Die Schachtel Zigaretten kaufte ich meist von dem Geld das ich für Essen bekam. Die Dönerbude lag zwischen der Schule und unserer Wohnung aber ich kaufte meist Zigaretten am Morgen, Cola, Schokolade und Kartoffelchips in der Pause und nur ein Dönerbrot mit Kräutersoße nach der Schule. Wenn meine Mutter etwas kochte, tat sie dies abends, eben nach der Arbeit.
Sabrina sprach mich eines Tages darauf an, dass ich doch immer mit Ilka nach Babelsberg fahre und sagte mir dass sie dort auch mal hinwolle um Oliver zu sehen. Oliver war der Drehpartner von Denise den ich nun ebenfalls verstärkt bewunderte, bzw. beneidete, für alles was er hatte und war.
Als wir dann zusammen mit unseren neuen Mountainbikes zu den Studios fuhren sagte uns Wilhelm, ein älterer Darsteller, dass Oliver schon wieder krank ist.
Dann zeigte sich, dass Sabrina meine Verrücktheit noch übertraf. Sie wusste, dass ich die Adresse von Oliver in Berlin Spandau herausgefunden habe und wollte dass wir dort hinfahren um ihn „zu besuchen“. Unangenehmerweise klingelten wir dann nach einer Fahrt mit S-Bahn und Bus an der Tür von Olivers Eltern. Die Mutter sagte uns das Oliver sehr krank ist und gleich einen Termin beim Arzt hat. Dann sahen wir ihn noch, einmal auf dem Weg zum Arzt und einmal von dort wieder zurück in Begleitschutz seines Vaters der Polizist war und im Fall von Fans vor der Haustür als Bodyguard auftrat.
An einem Freitag, dem letzten Februartag endete der Schulunterricht schon um 10:15 Uhr und ich hatte eine Idee die ich in die Tat umsetzen wollte. Ich hörte vor einigen Tagen dass Denise, für deren wundervoll weiche Energie ich immer noch so schwärmte, sagte dass sie sich über eine Backstreet Boys CD freuen würde. Nun war mein Plan auf diesen ausgesprochenen Wunsch zu reagieren und ihr eine solche CD zu schenken. Also fuhr ich mit Sabrina ins Einkaufscenter um die neue Single „Anywhere for you“ zu kaufen und sie Denise an diesem Tag zu schenken.
Ich war in euphorischer Freude, weil ich diese Idee so gut fand und als Sabrina und ich dann alibäßig zu zweit das Geschenk überreichten und sie uns nacheinander dankend umarmte gab ich mich diesem einen wundervollen Moment hin, indem ich bemerkte, dass es wahrhaft möglich war, dieses ganz warme Gefühl zu fühlen, welches ich eigentlich nur kannte wenn ich allein mit ihr in einer Welt ohne Körper war. Doch in diesen Sekunden konnte ich riechen wie gut sie riecht und spüren wie gut sie sich anfühlte. Ganz echt und körperlich und irgendwie auch gar nicht.
Dieser Moment war so paradiesisch wie schrecklich doch dieser Tag nahm eine noch tragischere Wendung als wir auf dem Studiogelände das Auto fanden, von dem ein Mädchen sagte Denise sei damit zur Arbeit gekommen. Sie sagte es wäre eigentlich nur ein Gerücht aber als wir einen Blick in den dunkelblauen BMW warfen sahen wir darin einen Brief, adressiert an Andreas Elsholz, von dem es heißt dieser ehemalig GZSZ Darsteller sei nun ihr Partner. Und so klärte sich die Realität auf, wie sie eben war, und ich verstand dass dieser Mann der Mann für Denise war der ich in diesem Leben nicht sein kann.