„Wednesday“ und „Speckmade“
Der Anfang vom Ende in der größtmöglichen Wende
Es war 2001, ich war gerade 18 geworden aber fühlte mich alles andere als erwachsen oder zumindest als der Mensch der ich war. Ich sah vor meinem geistigen Augen mein Leben wie es sein würde, sein sollte und fühlte es da aber mir klar, dass meine Realität eine ganz andere war.
Ich ging traurig durch die Straßen von Berlin, zu meinem Arbeitsplatz im ersten Ausbildungsjahr als Verkehrsservicekraft, wo meine Mutter mich durch ihre Kontakt hatte untergebracht. Es war jedoch nie viel mehr als das. Ich spielte den ganzen Tag Solitär oder entdeckte Windows 98 umso mehr, als das da kam echte Arbeit für mich von dieser Firma her.
Dort war ein älter Junge, der mit seinem Skateboard zur Arbeit kam, der schon im dritten Lehrjahr war und die Arbeit machte, in der ich mich nur sehen konnte im Bewusstsein, wenn ich so wie er im Raum wäre da.
Mir war auch klar, dass meine erste Liebesbeziehung irgendwie nur die halbe Wahrheit war, in der ich mich nie wirklich, als das was ich zu sein schien fühlte oder sah, egal wieviel besser es schon war, nicht mehr bei meiner Mutter leben zu müssen in der neuen Zeit die da war.
Es war aber immer die Situation da, in der ich in einer unrealistisch gefühlt und gesehenen Verbindung zur Energie einer Partnerin war, in der ich nicht der Mensch als der ich stand war. Doch ich versuchte bis dahin, das Leben zu leben mit diesem soweit erfasstem Sinn. Mir kam jedoch schon die Idee dazu, zurück zu gehen weiter an die Stelle aller verlorenen Fälle, von der aus ich mehr sehen und verstehen könnte von meinem Leben selbst, von dem ich gewissermaßen, durch das Chaos im Leben meiner Eltern, neben meinem Eigenen sozusagen ausgeschlossen war.
Die Lebensgeschichte offenbarte sich früh schon, wurde aber gänzlich gehindert angesichts der Familientrennungssituation, an der das schlimmste für mich war, dass überhaupt niemand war für dieses Kind wirklich kontaktierbar. So lernte ich früh, zu verdrängen, zu verstecken, meine gefühlt bewusste Realität mehr und mehr für alle Anderen um mich herum zu verstecken.
Obwohl ich mich in Visionen von meinem Leben als junger Mann in einer eigenen Wohnung, mit Skateboard, Gitarre, Musik und vielen Filmen sah, zerbrach mich mehr und mehr die Realität die um mich herum real war. Vor allem als die Zeit kam in der die Beziehung nicht mehr war, was sie anfänglich zu sein schien für unsere Leben dieser Zeit da.
Doch dann fing der Frühling 2002 an und ich lebte so, dass ich morgens eine Stunde zur Arbeit, die nicht wirklich eine war fuhr mit Rad und Bahn und am späten Nachmittag wieder Zuhause war. Ich wohnte schon über ein Jahr bei ihr in der Einraumwohnung in Berlin Mitte und war viel weiter als woanders möglich gewesen wäre klar.
Doch nach Feierabend saß ich immer trauriger und depressiver am Computer, spielte oder chattete im Internet mit anderen jungen Menschen über das 56K Modem, was verdammt langsam aber eine nie vorher dagewesene Möglichkeit der Verbindung meiner Realitäten war.
So fand ich auf den Seiten der Titus Skater-Community das Profil von „Wednesday“ und einer damit verbundenen Homepage von ihr, Maria in diesem Leben erschienen wie ein Engel mit ihren Texten und Bildern mir. Ich bestaunte sie heimlich, besuchte immer wieder ihr Profil und ihre Seite aber hätte mich nie getraut sie anzuschreiben oder mir vorzustellen, sie wirklich kennenlernen zu können.
Doch dann kam der Tag, an dem sie mir schrieb und wir gerieten direkt in einen intensiven, persönlich Austausch, wir schrieben und telefonierten sogar, eine Woche lang sehr viel im Mai 2002.
Während ich am Arbeitsplatz schon so gelangweilt von der Situation war, überwiegend nur Zeit absitzen zu müssen in diesem Büro, erarbeitete ich mir meine Versetzung in das Büro von zwei Männern, einem in seinen Dreißigern und einem deutlich Älterem. Am liebsten aber ging ich nach draußen, um dort die Reisebusse sauber zu machen.
Doch nach dieser einen Woche in der ich so verliebt in Maria war, fuhr ich für ein Wochenende zu ihr um sie in Paderborn und der echten Welt zu treffen. Ich trug ein blauweiß kleinkariertes Hemd, eine Baggyjeans, Skaterschuhe und eine blaue Trainingsjacke, ich hörte King Kool Savas und anderen deutschen Rap auf meinem Walkman als ich in der Damentoilette des stinkenden Bahnhofsklos stand und mich plötzlich in einer nie für möglich gehaltenen Märchenwelt befand. Ich ging durch das große Tor und sah wie wundervoll diese Maria auf mich zukam mit strahlenden Augen und feurig rötlichem Haar, so schön so zauberhaft vor meinen Augen wirklich wahr.
Wir gingen nach Hause zu ihr, obwohl sie lebte in einer Unterkunft für Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen. Ihre Eltern waren Griechen und beide getrennt, ihr Bruder lebte da, sie war zu Besuch auch oft bei ihnen aber sollte lernen unabhängig allein in Zukunft erwachsen zu sein.
Wir waren so verliebt, nannten uns Engel und Engelchen und wussten, wir waren und wissen viel mehr, als von den angeblich Erwachsenen kam in unsere kleinen Leben her.
Ich war so glücklich wie nie, in dieser Realität die jedoch auch direkt war überwiegend reale Fantasie. Ich hatte Probleme damit, dass sie mich so schnell anfassen wollte da, wo für mich mein echtes Körperteil ein scheinbar Anderes war und ich war irritiert und etwas eifersüchtig auf eine Teresa, von ihrer Schule in die sie vorher verliebt war.
Doch nun war ich bei ihr und wünschte zu werden ihr Freund in einem neuen Leben als fast ganz normale Jugendliche im Jetzt und Hier. Ich glaubte so sehr an unsere Energie, die ich bis dahin erfahren habe so wundervoll nie.
Sie hatte es in ihrem Leben auch offensichtlich schwer und ich kam als ihr Helfer her, ging gerne für sie den Einkauf machen, sie kochte uns Essen nur aus Reis, Nudeln oder Tofu mit Maggie oder Ketchup aber sie war so gut für mich in dieser Situation, meinem Leben plötzlich in einem viel real traumhafterem Strom. Auch vor ihren Freunden da, schienen wir zu sein ein schicksalhaft glücklich zusammengefundenes Liebespaar.
Um so trauriger fuhr ich in der kommenden Woche und erst einen Tag später, also am Montag zurück denn ich wusste schon da absolut klar, mein altes, falsches Leben würde es für mich in Zukunft so nicht mehr geben. Ich meldete mich am Morgen bei der Firma krank und ging dann in Berlin in eine Arztpraxis die mir Handlungsunfähigkeit diagnostizierte für diese Zeit.
Ich bestellte Filme über homosexuelle Liebesgeschichten und eine über Transidentität, in der ich viel mehr von mir und meinem Leben fühlte und sah aber ich versuchte noch cool zu finden, dass wir in dieser augenscheinlichen Variante als diese Engel standen zusammen in unserem neuen Leben da.
Es war zuerst noch unklar, wie alles weiter gehen sollte wegen der Beziehung und der Wohn- und Arbeitssituation. Es kam sogar dazu, dass ich nach einem Gespräch mit Maria und dem Streit mit meiner Noch-Partnerin da, von Zuhause weggelaufen war, so dass sie sogar meinen Vater zur Hilfe anrief der dann da war.
Das Ergebnis belief sich im weiteren darauf, dass ich wieder in mein Zimmer zu meiner Mutter zurück ging. Die Zeit in der ich weiter zur „Arbeit“ nach Berlin-Lichtenberg reiste, einen nun noch viel längeren und weiteren Weg von Potsdam aus, endete Anfang August 2002.
Nachdem ich wochenlang und mit einigen weiteren Besuchen am Wochenende bei Maria war, standen wir als dieses Liebespaar in diesen getrennten Leben, räumlich soweit entfernt von einander da, dass es für uns Beide die Hölle so war. Wir wollten zusammen sein, sie wollte dass ich bei ihr bin, ich wollte nur noch zu ihr hin.
Es kam zu einem Streit mit meiner Mutter, in der sie so etwas wie rief wie „Dann hau doch ab“ und für mich hat das alles direkt freigeschossen im Kopf und unmissverständlich klar gemacht, so könnte nichts mehr so sein wie angedacht. Also habe ich epischen Schrittes mit „Knocking on heavens door“ den Weg auf die Reise begonnen, die mir mehr von meinem Leben bringen sollte, als das Leben dort von mir wollte.
Also packte ich die Reisetasche, die ich zum 18. Geburtstag als Geschenk bekam und ging ohne Geld in der Tasche zum Bahnhof Zoo um abzureisen, für immer, genau so.
Aus der Notunterkunft in das erste Selbstbestimmte Leben
So kam ich an und das Jugendheim, in dem Maria lebte lies mich bei ihr sein, mit ihr zusammen in ihrem Zimmer soweit in Sicherheit, zu Zweit allein. Wir waren glücklich soweit in dieser besonderen, gemeinsamen Zeit. Es war das Beste für mich und auch gut für sie.
Ich fühlte mich als der Mann, der für seine Freundin dort hin gekommen ist um mit ihr zu leben in diesem Leben, das uns so war gegeben. Ich wollte es schaffen, ganz allein, der selbständig erwachsen werdende Mensch zu sein. Ich versuchte alles probierte jede mögliche Option, wir suchten nach Jobs und Wohnraum, damit ich offiziell in dieser Stadt leben kann.
Ich bewarb mich überall wo es möglich war, versuchte mich sogar im kellnern bis das Sektglas auf der Hose einer Frau gelandet war und aus allem was scheinbar doch schwieriger als gedacht war, machten wir den Plan mich auf Maria’s Schule auch als Schüler anzumelden.
Sie hatte einen besseren Schulabschluss als ich, sie war als Gestalterin in künstlerischer Ausbildungsvorbereitung schon. Ich konnte mich wie zwei andere Jungs, die noch weiter zur Schule gehen wollten, nur für die Kinderpfleger-Ausbildung anmelden um für den Bezug von „BAFÖG“ berechtigt zu sein. Es war nicht ganz einfach aber ich habe es soweit geschafft. Die Hauptmotivation lag für mich in der Aussicht auf einen verbesserten Realschulabschluss. Denn es war schon klar, dass meine schulische Leistungsfähigkeit maximal beeinträchtig durch diese schwere Zeit meiner so schwierigen Jugend auch vor allem wegen der Familienprobleme war und ich eigentlich viel mehr, viel besser gekonnt hätte, weil ich grundsätzlich intelligent genug war.
Ich begann nach einem WG Zimmer zu suchen und fand dieses auch recht schnell, bei drei Studenten, die 4-8 Jahre älter waren, war ein Raum für mich frei. Es waren zwei junge Männer und eine Frau aber mit ihnen persönlich zu tun hatte ich auch gar nichts, während ich dort war, eher als Geist, statt als eine Frau. Ich war sehr stolz und glücklich als bereits im September 2002 meine zweite Ausbildungsstelle die der Kinderpfleger gewesen sei, trotz allem was so seltsam war dabei, ich fühlte mich zum ersten Mal wirklich erwachsen, Selbstbestimmt und frei und auch Maria war soweit sehr glücklich dabei.
So fanden wir bereits im Spätherbst dieses wunderlichen Jahres eine 2-Raumwohnung im Dachgeschoss eines besonderen Altbaus in der Neuhäuser Straße 22, ganz für uns allein. Ich regelte viel mit dem Vermieter für uns, beschaffte Farbe und strich unsere Räume, einen für sie in Weinrot und einen für mich in Himmelblau. Doch wir schliefen zusammen in meinem Zimmer, in einem Bett. Ich hatte vorher in der WG schon einen Raum neu erschaffen, in dem beide Farbtöne vorkam und darunter blauen Teppich verlegt. Ich hatte meine persönlichen Sachen da, sogar mein Zwergkaninchen „Klopfer“ wurde mir gebracht als meine Familie zu Besuch, untergebracht bei der griechischen Familie war.
Maria hat meinen Namen gerettet, indem sie mich „Jesi“ oder gar „Jesim“ nannte, sie hatte irgendwas vom richtigen Gefühl für mich, trotz all dem falschen Lebensspiel und die Rettung meines Namens auf diese Weise gab mir so besonders viel, bei allem was trotz und wegen allem so schwierig war, in diesem jungen Leben, so viel mehr und doch viel zu wenig konnte wirklich gut sein für uns Beide und vor allem mich allein.
Während ich zur Schule ging und in der WG rumhing, besuchte ich Maria zu dieser Zeit nur nach Schulschluss und bis zur abendlichen Besuchsendzeit. Wir waren nicht mehr so frei, wie anfänglich in der Situation dabei, weil ich nun ein Besucher war, der sein eigenes Nest im Ort hatte und mit dem Skateboard durch die Nacht zurück fuhr um ohne Maria einzuschlafen, weil Übernachtungen nur am Wochenende erlaubt waren.
Alles schien so märchenhaft wundervoll in dieser besonderen Zeit aber die Probleme die es in mir gab, machten all unsere Schwierigkeiten so, dass ein unbeschwertes Glück unlebbar war.
Vor allem in der Situation dieser Kinderpflege Ausbildung versagte ich menschlich maximal, hinsichtlich dessen was die berufliche Anforderung war. Ich verstand mich als Begleiter, der mit den Kindern einer Hippiefamilie, die ganze Neun davon rumrennen hatte aber nicht als Pflegepersonal wie es erwünscht wurde von den Menschen. So haben sie von der Schule bereits eine andere Person angefordert und mich damit aussortiert. Deshalb wurde ich bereits zum Schuldirektor zitiert aber habe das Problem an der Sache nicht wirklich kapiert. Ich ging nur mit ihnen spazieren über die Felder und erzählte ihnen eine wundervolle Fantasiegeschichte, die ihnen vielleicht gefallen hat, aber ihren Eltern nicht und ich verhielt mich ihnen gegenüber nicht, wie es angemessen gewesen wäre, sondern machte mein eigenes Ding, wie ich nur konnte, mit dem Faden an dem ich selbst so kindlich verloren zwischen den Welten hing.
Etwas stimmte nicht, passte doch nicht wirklich, war nicht ganz wahr. So kam es dazu, dass sich Maria in eine Zigeunerin verliebte, die da mit uns befreundet war. Sie war oft bei uns, überwiegend bei ihr, spielte Gitarre und sang, sie sahen zusammen mit einem jungen, schwulen Freund, bei uns Zuhause immer Deutschland sucht den Superstar an und ich konnte mit all ihrer Normalität doch nicht so viel anfangen und saß doch wieder allein vor meinem Computer und schrieb traurig, all meinen Schmerz im Stillen dort hinein. Ich konnte mal wieder nicht der ganze Teil meines eigenen Lebens so sein.
Als ich an Weihnachten dann bei meiner Familie war, war irgendwie schon alles nicht mehr wie es sein sollte zwischen uns in dieser Realität des jungen Liebespaares da. Als ich zurück kam, schien sie sich mit der Zigeunerin noch näher zu stehen, als es zwischen uns konnte wirklich gut gehen und ich war verletzt und so enttäuscht aber sah ein, sie wollte wirklich mit einer Frau zusammen sein und ich fühlte nicht wirklich, ich könnte das sein.
Ich war eifersüchtig wenn wir draußen waren, auf alle Männer die sie auch nur ansahen obwohl es sie gar nicht interessierte, ich mich in meinem verwirrten Kopf sicher oft blamierte und meine Person als ultimativen Fehler in meinem Leben sah, mit dem ich selbst nie wirklich echt war.
Das Ende des Märchens, das nicht echt genug war
Es war seltsam wieder da zu sein, diese Zigeunerin spielte seltsam zwischen uns und all den Stühlen in unsere Geschichte rein. Sie redete mit mir als Freundin im Vertrauen allein aber ging wohl längst eine viel tiefere Beziehung zu Maria ein.
Es wurde Realität, wir standen zu Beginn von 2003 auf einem ganz anderen Steg und es gab für mich so dort keinen fühlbar richtigen Weg. Ich ging aus Verzweiflung zu einem Psychologen, er sah nur ein verwirrtes Kind, in einem klassisch kompliziertem Lebenswind. Für mich aber wurde klar, ich wollte nicht mehr so sein in diesem Ort da, wo ich Maria hätte sehen können in ihrem Leben wie es war, ohne mich dann so anders wahr.
Ich war am Ende meiner Kraft, hatte das Gefühl ich habe wieder mal alles umsonst gemacht. Nur um zu überleben habe ich mir die Chance gegeben auf einen neuen Traum, in einem noch richtigerem Raum. Ich sah die Vision von mir und einem schwarzen Hund, als Begleiter auf meiner Reise, zurück nach Berlin, auf diese Weise.
Ich ging in den Afroshop gegenüber, lies mir meine ersten Dreadlocks machen und färbte sie blutrot als Zeichen für meinen dort gestorben Seelentot ohne echte Aussicht auf ein neues Boot. Aber ich war zu jung um wirklich sterben zu gehen, wie es mir schien als einzigen Ausweg auszugehen. Ich wollte leben und nicht tot sein, ich wollte wieder in eine bessere Welt mit mir allein.
Es gab eine kleine Abschiedsfeier, die wurde für mich mit Klassenkameraden, Freunden von mir und Maria in der Wohnung gemacht in meiner letzten Nacht, so anders und so viel früher als gedacht.
Ich wollte weg und die Möbelstücke die ich so mühsam zu Fuß in die Wohnung getragen hatte blieben wohl zurück als ich dann abgeholt wurde von meinem Vater aus meinem so schnell erschaffenem und doch elendig gescheitertem Leben zurück in den Albtraum der da wieder wirklich war, in allem was scheinbar mein Leben sein sollte da bis in die Wohnung meiner Mutter auch wenn ich sogleich wieder geflüchtet bin von da.